Baumeister Friedrich Joachim Stengel schrieb Dirminger Geschichte

Inmitten unseres Dorfes befindet sich die heutige evangelische Kirche. Dieses kleine und schlichte Kirchengebäude blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Dabei ist die Geschichte dieser Kirche eng verbunden mit der Entstehung und Entwicklung unseres Heimatortes. Das schmucke Kirchlein gilt heute als Wahrzeichen unseres Dorfes. Seit dem Jahre 1746 feiern wir in Dirmingen das Kirchweihfest dieser Stengelkirche. In diesem Jahr fällt die nunmehr 274 „Derminga Kerb“, in der Zeit vom 24.-26. Oktober 20, der Pandemie zum Opfer. Für mich ist dies dennoch Grund genug einmal einen Blick auf die Entstehungsgeschichte der Kirche und das Leben des Mannes zu werfen, der unsere Kirche erbaut hat:

Friedrich Joachim Stengel.

Weit vor der Reformation, die im Jahre 1517 begann und im Jahre 1575 in unserer Grafschaft ankam, wurde die kleine Kirche in der Dorfmitte von katholischen Christen erbaut. Im Zuge der Reformation wurde die Kirche von den Landesherren der Grafschaft Nassau-Saarbrücken den evangelischen Christen zugesprochen. Von dem im 12. Jahrhundert erbauten Kirchengebäude erkennt man heute nur noch die vier untersten Segmente des Turmes. Die Gewölbehalle im Turm deutet auf den Baustil der Zisterzienser hin. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche meistens aus Altersgründen saniert, umgebaut oder erweitert. Im Jahre 1746 bekam das kleine Kirchlein in der Ortsmitte den baulichen Schliff, den es noch heute trägt. Der berühmte Baumeister Friedrich Joachim Stengel, der auch das Saarbrücker Schloss erbaute, erschuf auf den Grundmauern des Vorgängerbaus die heutige Stengelkirche am Zusammenfluss der Ill und Alsbach.

Baumeister Friedrich Joachim Stengel wurde am 29. September 1694 in Zerbst/Anhalt geboren. Stengel wurde 92 Jahre alt. Für diese Zeit (1694-1787), war dies ein biblisches Alter. Schon damals gehörte Stengel zu den bedeutendsten Barockbaumeistern seiner Zeit. Dem Baumeister gelang es durch seinen modernen Baustil die Landesherren der Grafschaft Nassau Saarbrücken zu begeistern. Gerade Bauleute, Ingenieure und Architekten hatten es damals nicht leicht. Um einigermaßen von Aufträgen Leben zu können, benötigte man die Gunst eines Fürsten oder Grafen. Die weltlichen und geistlichen Landesherren waren die einzigen, die nennenswerte Bauaufträge erteilten konnten.

Bereits mit 14 Jahren musste Stengel als Sohn eines fürstlichen Sekretärs sein Elternhaus in Zerbst verlassen. An der “Academie der bildenden Künste” als Ingenieur- Offizier wurde Stengel in Zeichenkunde, Geometrie, Zivilbaukunde, Festungsbau und Geschützkunde ausgebildet. In der Hoffnung, den Posten des Oberbaumeisters im Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg zu erhalten, ging Stengel im Jahre 1730 nach Gotha. Im Jahre 1733 nahm er das Angebot des Fürsten von Nassau-Usingen an, dort als Hofarchitekt tätig zu werden. Nach der Teilung Nassaus, im Jahre 1735, war Stengel hauptsächlich für den Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken tätig. Der Fürst ermöglichte Stengel im Jahre 1739 eine Studienreise nach Paris und Versailles. Die Werke der modernen französischen Architekten prägten Stengels späteren Baustil. Im Jahre 1738 hatte Stengel mit dem Wiederaufbau des Saarbrücker Stadtschlosses begonnen. Es folgte eine enorme Schaffensphase, in der auch die heutige evangelische Kirche in Dirmingen entstand. Ob der Bauherr tatsächlich persönlich in Dirmingen war und sein Werk begutachtete, bleibt ein Geheimnis. Tatsächlich stammen jedoch die Baupläne aus der Feder des bekannten Architekten. Fakt ist auch, dass jedes Stengelgebäude zumindest von einem seiner vertrauten Mitarbeitern aus der sogenannten Stengelschule abgenommen werden musste. Im Jahre 1748 entstand nach den Plänen des Baumeisters die Turmhaube der Stiftskirche St. Arnual. Aus den historischen Chroniken geht hervor, dass Stengel gerade zu dieser Zeit verstärkt auf Turmhauben setzte. Die auf dem Turm der Evangelischen Kirche in Dirmingen angebrachte sogenannte weiche Haube verweist also auf den damaligen Zeitgeist.

Während seiner aktiven Arbeitsphase erschuf Stengel den Neubau des Schlosses Saarbrücken (1738), die Friedenskirche (1743), das neue Rathaus und das Erbprinzenpalais (1748), die Kirche St. Johann (1754) sowie die Ludwigskirche (1775). Daneben baute er im heutigen Saarland zahlreiche kleine Kirchen zu der auch die Kirchen in Dirmingen und Wellesweiler gehören sowie zahlreiche Lustschlösser, Forst- und Pfarrhäuser. In der damaligen Residenzstadt Ottweiler prägte Stengel mit dem Pavillon und dem Witwenpalais das Stadtbild. Stengel war dreimal verheiratet und hatte drei Töchter und zwei Söhne. Beide Söhne stiegen in die Fußstapfen des Vaters und wurden Architekten. Als Stengel am 10. Januar 1787 in Saarbrücken im hohen Alter von 92 Jahren starb, gewährte Fürst Ludwig von Nassau-Saarbrücken seiner Witwe, „weil uns von dem nun verstorbenen Cammer Rath lang jährige treue Dienste geleistet worden“, eine jährliche Pension in Höhe von 160 Gulden. Die Errichtung der Ludwigskirche im Jahre 1775 gehörte zu den bedeuteten Werken des Bauherrn.

Mit dem Bau der heutigen Evangelischen Kirche in unserer Ortsmitte an Friedrich Joachim Stengel auch Dirminger Geschichte geschrieben. Dies dürfte ihm jedoch damals relativ egal gewesen sein. Dem Grafen Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbücken hingegen ging es damals alleine darum, sein Reich mit evangelische Kirchenbauten zu prägen. Die Evangelische Kirche in der Dirminger Ortsmitte wurde damals nachweislich von dem Grafen gestiftet. Um den zunehmenden Geldbedarf des Hofes zu decken, wurden nach 1750 die ertragreichen saarländischen Steinkohlebergwerke verstaatlicht und die Eisenhütten an ausländische Gesellschaften verpachtet.