{"id":11964,"date":"2022-01-29T13:41:21","date_gmt":"2022-01-29T12:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=11964"},"modified":"2022-01-29T13:41:23","modified_gmt":"2022-01-29T12:41:23","slug":"stolpersteine-ein-stein-ein-name-ein-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=11964","title":{"rendered":"Stolpersteine &#8211; Ein Stein &#8211; ein Name &#8211; ein Mensch."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Schriftsteller Andreas Maier schrieb einmal in seinem Roman \u201eDie Familie\u201c den Satz: \u201eWir sind die Kinder der Schweigekinder\u201c. Mit den Schweigekindern ist die Nachkriegsgeneration bis zum Jahr 1960 gemeint. Dabei ist dies keineswegs als Beleidung zu verstehen. Die Schweigekinder wurden gelernt nicht dar\u00fcber zu reden. Die Schrecken des 2. Weltkrieges und insbesondere des Holocaust sollten schnell vergessen werden. Wir sind die Kinder der Schweigekinder und haben mehr als zuvor die Aufgabe das Vergessen zu verhindern. Die letzten Zeitzeugen des Holocaust gehen uns mehr und mehr verloren. Wie k\u00f6nnen wir den nachfolgenden Generationen die Geschichte unseres Landes ans Herz legen? Wie erschaffen wir eine gesunde Erinnerungskultur? Einer Umfrage zufolge wissen bis zu 60 % der deutschen nicht wie viele Opfer der Holocaust kostete. Die menschenverachtende Rhetorik des Nationalsozialismus hingegen findet mittlerweile vermehrt in der Musik oder in den aktuellen Debatten des Alltages ihren Platz. Wir leben in Zeiten in denen der Davidstern gerne einmal als Opfersymbol f\u00fcr gekr\u00e4nkte Eitelkeiten herhalten muss. Verbrannte W\u00f6rter wie: Endl\u00f6sung, Arisierung, Gleichschaltung, \u00dcberfremdung, Umvolkung, Euthanasie, Kristallnacht, Sonderbehandlung und F\u00fchrer finden wieder vermehrt Gebrauch.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Die deutsche Widerstandsk\u00e4mpferin Sophie Scholl sagte einmal: <strong>\u201eAls Beispiel wollen wir die Tatsache anf\u00fchren, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Weise ermordet worden sind.\u201c Und \u201eIch kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist f\u00fcrs Vaterland.\u201c<\/strong> Ich pers\u00f6nlich glaube das Sophie Scholl und die Mitglieder der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c die wahren Patrioten ihrer Zeit waren. Der Antisemitismus frisst sich l\u00e4ngst wieder in unsere Gesellschaft hinein, die Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten beherrscht unseren Alltag. \u00a0Am Donnerstag, 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, der Tag der Befreiung von Auschwitz wurden in ganz Deutschland Gedenkfeiern abgehalten. Ich habe mich einmal vor die Frage gestellt: Wie war es bei uns Zuhause? Haben unsere Leute nichts von alle dem gewusst?  Die Tatsache, dass wir im Mai dieses Jahres einen Stolperstein in unserem Heimatort gesetzt bekommen, hat hat mich unheimlich ber\u00fchrt. Immerhin bin ich im weitesten Sinne mit der Familie Wohlfarth verwandt und habe mich \u00fcber deren Engagement sehr gefreut. Ein weiteres Zitat von Sophie Scholl lautet \u201eMan kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist.\u201c Ich wollte es dennoch versuchen und habe mir mal so meine Gedanken gemacht.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/100.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11968\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/100.jpg 600w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/100-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Netz Fund aus den sozialen Medien: <strong>Es fing nicht mit Gaskammern an. Es fing an mit einer Politik, die von WIR gegen DIE sprach. Es fing an mit Hass, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Es fing an mit dem Aberkennen von demokratischen oder sozialen Grundrechten. Es fing an mit Menschen, die einfach wegschauten. Es fing an mit brennenden B\u00fcchern und brennenden H\u00e4usern. Danach brannten auch Menschen. <\/strong>Der Holocaust, begann mit der Reichskristallnacht im November 1938 und kostete 6 Mio. Juden das Leben. Ein Reporter sagte einmal: Wenn wir f\u00fcr jedes Opfer des Holocaust eine Schweigeminute abhalten w\u00fcrden, m\u00fcssten wir 11 Jahre still sein. Im Jahre 1938 beschloss die Reichszentrale die Bek\u00e4mpfung des Zigeunerunwesens. SS-Chef Heinrich Himmler unterschrieb einen Erlass zur &#8222;Bek\u00e4mpfung der Zigeunerplage&#8220;. Der Begriff der \u201eunn\u00fctzen Brotfresser\u201c wurde ins Leben gerufen. Im Oktober 1939 versch\u00e4rft Adolf Hitler die sogenannte Rassenhygiene. Sein &#8222;Euthanasie&#8220;-Erlass wird zum Todesurteil f\u00fcr Hunderttausende psychisch kranke und behinderte Menschen. Die Euthanasie\u201c- Programm \u201eAktion T4\u201c wurde von der Kanzlei des F\u00fchrers geplant und eingef\u00fchrt. Die Selektion der Opfer nahmen \u00fcberwiegend \u00c4rzte und Psychiater vor. Die Ermordung der kranken Menschen erfolgte mittels Kohlenmonoxids in station\u00e4ren Gaskammern. Zu diesem Zweck wurden vier T\u00f6tungsanstalten eingef\u00fchrt. Diese befanden sich in Brandenburg\/Havel, Grafeneck (bei W\u00fcrttemberg), Hartheim (bei Linz\/Donau), Sonnenstein (in Pirna, Sachsen), Bernburg\/Saale und Hadamar (bei Limburg, Hessen). Sp\u00e4ter kamen noch aus Platzgr\u00fcnden Klingenm\u00fcnster und Weilm\u00fcnster hinzu. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>In der Zeit von 1939 bis 1945 wurden sch\u00e4tzungsweise 300.000 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen im unter dem Deckmantel der \u201eEuthanasie\u201c ermordet. Hunderttausende Menschen wurden Zwangssterilisiert, denunziert, gefoltert, in Beugehaft genommen oder in Straflager versetzt. Das ganze passierte nicht irgendwo im deutschen Reich sondern genau hier, vor unserer Haust\u00fcr. Unter den Opfern befanden sich auch Patienten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Merzig. Damals munkelte man, dass der Weg von Merzig nach Hadamar nicht weit w\u00e4re. Die ersten Morde wurden noch anonym durchgef\u00fchrt. Meistens kam es zu Gruppenerschie\u00dfungen oder zu t\u00f6dlichen Menschenversuchen. Das Alter spielte keine Rolle. Nicht selten wurden auch Kinder zum Opfer. Am 20. Januar 1942 beschloss das Nazi- Regime auf der sogenannten Wannseekonferenz die \u201eEndl\u00f6sung der Judenfrage\u201c Dies bedeutete zeitgleich das Todesurteil f\u00fcr Millionen Menschen in Europa. Die Vernichtungsmaschinerie Ausschwitz kam ins Rollen. Letztendlich bildeten die nationalsozialistischen Krankenmorde den Auftakt zum Massen- und V\u00f6lkermord. Mit den Kranken und Schwachen fing damals alles an. Viele saarl\u00e4ndische Opfer wurden aus der Heil- und Pflegeanstalt Merzig mit der Bahn nach Hadamar transportiert. Endstation waren die Anstalten Weilm\u00fcnster, Klingenm\u00fcnster und Scheuern in der Provinz Hessen-Nassau. Die H\u00e4ftlinge waren meistens \u00e4u\u00dferst harten Lebensbedingungen ausgesetzt. Dabei pr\u00e4gten auch \u00dcberbelegungen, Personalknappheit und Mangelern\u00e4hrung den Alltag. F\u00fcr viele Menschen waren Weilm\u00fcnster oder Klingenm\u00fcnster nur Zwischenstationen auf dem Weg nach Hadamar. Die T\u00f6tungsanstalt Hadamar war ein von insgesamt sechs NS-T\u00f6tungseinrichtungen<\/strong>. <strong>Bei meinen Recherchen habe ich erfahren, dass in einigen D\u00f6rfern und Gemeinden sehr wohl Widerstand und Proteste gegen das T4 Programm aufkamen. Offensichtlich hatte diese Bewegung ihren Erfolg. Letztendlich endeten die nationalsozialistischen Krankenmorde im August 1941 aufgrund des wachsenden \u00f6ffentlichen Drucks. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11969\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/200.jpg 600w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/200-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Hadamar blieb jedoch eine Hinrichtungsst\u00e4tte. Nach den Krankenmorden fanden dort Menschen den Tod, die sich nicht dem Nationalsozialismus beugen wollten oder als sogenannter &#8222;Asozialer&#8220; dem Volk auf der Tasche lag. Der Tod in den Konzentrationslagern wie Hadamer, Grafeneck, Weilm\u00fcnster oder Klingenm\u00fcnster war bei weitem nicht so anonym wie in Auschwitz. \u00a0W\u00e4hrend in Dachau oder Ausschwitz die Menschen mit Z\u00fcgen zu Gaskammer gebracht wurden, hatten die kleineren Lager den Hauch eines Straflagers. In Natzweiler\/ Struthof oder Hadamer starben diejenigen, die zu \u201elebensunwerten\u201c Menschen degradiert wurden. Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit sterilisiert wurden, durften nach ihrer Operation zur\u00fcck in ihre Heimat. Gebrandmarkt und gedem\u00fctigt trifteten sie in ein trostloses Leben voller Schamgef\u00fchl. Gerade in kleineren Lagern waren die H\u00e4ftlinge verst\u00e4rkt der Willk\u00fcr der Nazischergen ausgeliefert. Oftmals verstarben die inhaftierten an Hunger, Erkrankung, Verletzungen, Ersch\u00f6pfung oder halt durch diverse Hinrichtungs- und Foltermethoden. Das langsame oder schnelle Erh\u00e4ngen war ebenso \u00fcblich wie das Erschie\u00dfen oder das Totschlagen. Nach der Hinrichtung wurden die Leichen verbrannt. Fast jede T\u00f6tungsanstalt hatte ein Krematorium. Goldz\u00e4hne, Kleider und sogar Haare wurden gesammelt. Am Ende blieben die vielen Opfer die durch Diskriminierung, Misshandlung, Zwangssterilisierung oder Folter f\u00fcr das Leben gepr\u00e4gt waren \u00fcbrig. Die Opfer waren nicht w\u00fcrdig der arischen deutschen Rasse anzugeh\u00f6ren. Diese Menschen durften sich nicht vermehren und hatten durch ihre Krankheit ihr Recht auf ein normales Leben verwirkt. Dann gab es noch eine Opfer-Kategorie, f\u00fcr die es keine genaue Definition gab. Dabei ging es um Menschen, die nicht in die nationalsozialistische Weltsicht passten. \u00a0Politische Gefangene \u00fcberwiegend Kommunisten oder Mitglieder der SPD, Zuh\u00e4lter, Alkoholiker oder sogar Wohlfahrtsempf\u00e4nger. Diese Menschen wurde wie bereits erw\u00e4hnt Asoziale bezeichnet und mit einem schwarzen Winkel auf ihrer H\u00e4ftlingsuniform gekennzeichnet. Im Jahre 1938 stieg die Zahl der Deportation der sogenannten Asozialen nach landesweiten Verhaftungswellen sprunghaft an. KZ Lagerchef Rudolf H\u00f6\u00df, wurde am 11. M\u00e4rz 1946 festgenommen. Im 1947 wurde er zum Tode verurteilt und am 16. April 1947 auf dem Gel\u00e4nde seines Konzentrationslagers \u00f6ffentlich hingerichtet. W\u00e4hrend der Zeit der gerichtlichen Untersuchungen bezog H\u00f6\u00df auf eigenen Wunsch Stellung zu den Massenmorden. So schildert er \u201e<strong>ich durfte nicht die geringste R\u00fchrung zeigen. Ich musste alle Vorg\u00e4nge mitansehen. Ich musste, ob Tag oder Nacht, beim Heranschaffen, beim Verbrennen der Leichen zusehen, musste das Zahnausbrechen, das Haarabschneiden, all das Grausige stundenlang mitansehen. Ich musste selbst bei dem grausigen, unheimlichen Gestank verbreitenden Ausgrabung der Massengr\u00e4ber und dem Verbrennen stundenlang dabeistehen. Ich musste auch durch das Guckloch des Gasraumes den Tod selbst ansehen, weil die \u00c4rzte mich darauf aufmerksam machten.\u201c <\/strong>Waren am Ende auch manche T\u00e4ter zu Opfern geworden? Schwer vorstellbar, man hat am Ende doch immer eine Wahl.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/300-700x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11970\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/300-700x525.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/300-300x225.jpg 300w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/300-768x576.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/300.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Stolpersteine, ein Stein, ein Name ein Mensch. Der K\u00fcnstler Gunter Demnig erinnert mit seinen Stolpersteinen an die Opfer der NS-Zeit. Auf Wunsch werden vor dem letzten selbstgew\u00e4hlten Wohnort des Opfers kleine goldene Gedenktafeln aus Messing in den B\u00fcrgersteig gelegt. Inzwischen gibt es in 1265 Kommunen Deutschlands und in einundzwanzig L\u00e4ndern Europas diese Stolpersteine. Wenn alles glatt l\u00e4uft, soll im Mai ein solcher Stolperstein in Dirmingen gelegt werden. Die Familie des Euthanasieopfers Rudolf Wohlfahrt hat sich um einen solchen Gedenkstein bem\u00fcht und eine Zusage erhalten. Es wird der erste Stolperstein in der Gemeinde Eppelborn werden. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE&#8230; Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch. Wer aber waren die Menschen hinter den Gedenksteinen? Wer aber waren die Opfer, die in unserem Dorf und den angrenzenden Ortschaften lebten. Der Dirminger Rudolf Wohlfahrt wurde in Hadamar ermordet, weil er vielleicht eine andere Meinung vertrat oder nicht mehr dazugeh\u00f6ren wollte. Rudolf Wohlfahrt war der Ehemann der Schwester meiner Gro\u00dfmutter. Nach der Hinrichtung des Familienoberhaupts wurde auch meine Gro\u00dftante Caroline Wohlfahrt w\u00e4hrend eines Bombenangriffes auf Dirmingen get\u00f6tet. Zuviel Leid auf einmal ! Auch Katharina Detzler aus Dirmingen war anders und musste dies mit ihrem Leben bezahlen. Genauso wie Luise Wagner aus Dirmingen die im Alter von 64 Jahren in Weilm\u00fcnster hingerichtet wurde. In der heutigen Gemeinde Eppelborn fielen insgesamt 18 Menschen dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Das j\u00fcngste Opfer war gerade einmal Anfang zwanzig. Damals war es nicht gut anders zu sein. Es war nicht gut gegen den Strom zu schwimmen. Wenn man \u00fcberleben wollte, musste man mitmachen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Morde oder die Diffamierungen waren vielschichtig. Maria Benzm\u00fcller aus Dirmingen wurde vom eigenen Hof gejagt und deportiert. Manchmal gen\u00fcgte es schon, wenn eine leichte Behinderung vorlag. Eine Zwangssterilisierung wegen Taubheit war nicht selten. In unserer Dorfchronik gibt es keinen Hinweis auf j\u00fcdisches Leben in Dirmingen. Viktor Gottschalk musste sich jedoch antisemitischen Diffamierungen unterwerfen. Friedrich Klei\u00dfle aus Wiesbach war Zeuge Jehovas und musste sich deshalb einer Beugehaft unterziehen. Irmgard Maron aus Dirmingen litt unter Epilepsie. F\u00fcr das Regime war dies Grund genug die Frau zu sterilisieren. Der Polizist Johann Wilhelm aus Dirmingen war bekennender Antifaschist und wurde daraufhin denunziert und zwangspensioniert. Wenn es um die eigene politische Meinung ging, verstanden die Nationalsozialisten keinen Spa\u00df. Dies mussten auch Matthias Lambert und Alois M\u00fcller aus unseren Nachbarorten am eigenen Leibe feststellen. Als bekennende Mitglieder der SPD geh\u00f6rten Sie zu den Vaterlandsverr\u00e4tern. Die Nazis konnten nie verzeihen, dass die SPD im Jahre 1933 als einzige Partei im Reichstag das Erm\u00e4chtigungsgesetz Hitlers ablehnte. Die Mitglieder der Sozialdemokratie mussten f\u00fcr ihre Standhaftigkeit teuer bezahlen. Anders zu sein war nicht gut. R\u00fcckgrat zu zeigen war nicht gut. Das Zauberwort des Nazi-Regimes lautete Unterwerfung und Unterordnung. F\u00fcr den Oskar Neufang war dies jedoch keine Option. Der Dirminger schloss sich der franz\u00f6sischen Fremdenlegion an und schwor einen Eid auf die franz\u00f6sische Fahne. Die Nationalsozialisten empfanden dies als Verrat und steckten Oskar Neufang in die SS Sonderlager Hinzert und sp\u00e4ter in das KZ Kislau. Nach harter Beugehaft entschied sich Neufang doch mitzumachen. Sein Umdenken musste er mit seinem Tod an der Front bezahlen. Immerhin fiel er f\u00fcr das Deutsche Reich. Iwan Schernobajew war Kriegsgefangener und war zur Zwangsarbeit in Dirmingen verurteilt. Die st\u00e4ndigen Diffamierungen waren am Ende Zuviel f\u00fcr den russischen Soldaten. In seiner Verzweiflung nahm sich der Gefangene das Leben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"525\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/400-700x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11971\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/400-700x525.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/400-300x225.jpg 300w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/400-768x576.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/400.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Stolpersteine- Ein Stein- Ein Name- Ein Mensch. V<\/strong>i<strong>ele Opfer wurden als minderwertig abgestempelt und einfach so wie M\u00fcll entsorgt. Wenn es um die eigene Ideologie geht, ist der Mensch zu vielem im Stande. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen in den Konzentrationslagern lag die Todesrate zeitweilig zwischen 43 und 50%. Wenn man erstmal in einem Konzentrationslager untergebracht war, hatte man nur noch wenige Chance das zu \u00fcberleben. Mitten unter uns wurden Menschen deportiert, verschleppt, denunziert oder weggesperrt. Haben die Dorfbewohner nicht gewusst was passiert? Hatten Sie Angst oder sogar Verst\u00e4ndnis? Am Ende spielt diese Frage keine Rolle. Das Nazi-Regime st\u00fcrzte auch unseren Heimatort ins Verderben. Einer aktuellen Umfrage zufolge nimmt heute ein Gro\u00dfteil der deutschen Bev\u00f6lkerung den Begriff \u201cBefreiung\u201d als w\u00f6rtlich. Unmittelbar nach Kriegsende wuschen viele ihre H\u00e4nde in Unschuld. Keiner will etwas geh\u00f6rt oder gesehen haben. \u00a0Als der Zweite Weltkrieg am 18. M\u00e4rz 1945 gegen 17:00 Uhr, mit dem Einr\u00fccken amerikanischer Truppen f\u00fcr unsere Einwohner zu Ende ging, war Dirmingen eine der st\u00e4rkst besch\u00e4digtsten Landgemeinde des damaligen Landkreises Ottweiler. Am Ende mussten die Dorfbewohner 23 Bombenangriffe \u00fcber sich ergehen lassen. Warum wir? Gab es in Dirmingen so viele Nazis oder kampfbereite Soldaten? Vieles hatte mit der Bahnverbindung und der topografischen Lage unseres Dorfes zu tun. Fakt ist, die Bev\u00f6lkerung musste das Nazi-Regime und den 2. Weltkrieg teuer bezahlen. Richtig ist auch, dass Angeh\u00f6rige systematisch \u00fcber das Schicksal ihrer Familienmitglieder belogen wurden. Dies gilt f\u00fcr die Opfer des Euthanasieprogramms genauso wie f\u00fcr den geliebten Mann, Bruder oder Sohn, der an der Front f\u00fcr das deutsche Reich starb. Die deutsche Widerstandsk\u00e4mpferin Sophie Scholl schrieb in einem Flugblatt: <\/strong><em>\u201eMan muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben. Dazu brauchen wir einen harten Geist und ein weiches Herz. Wir haben alle unsere Ma\u00dfst\u00e4be in uns selbst, nur suchen wir sie zu wenig. Zerrei\u00dft den Mantel der Gleichg\u00fcltigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, ehe es zu sp\u00e4t ist!<\/em> <strong>Noch ist es nicht zu sp\u00e4t, um dem neu aufflammenden Antisemitismus entgegenzuwirken. Noch k\u00f6nnen wir aufstehen und uns wehren. Der Holocaust-\u00dcberlebende Max Mannheimer sagte einmal: <\/strong><em>\u201cIhr seid nicht verantwortlich f\u00fcr das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, daf\u00fcr schon.\u201d <\/em><strong>Genau dies ist unser gemeinsames Erbe. Es darf nicht wieder geschehen. Ich zitiere gerne  Sophie Scholl. F\u00fcr mich geh\u00f6rt Sie zu den beeindruckendsten Pers\u00f6nlichkeiten Deutschlands. Mit nur 21 Jahren wurde die junge Frau, am 23. Februar 1943 in M\u00fcnchen, durch das Fallbeil hingerichtet. Ihr Handeln, ihr Mut, ihr Engagement f\u00fcr die Menschlichkeit und auch ihre Heimatliebe faszinieren mich pers\u00f6nlich bis zum heutigen Tag. Selbst im Angesicht des Todes lie\u00df sich Sophie Scholl und auch ihr Bruder Hans Scholl nicht von den Nazis kleinmachen. Lieber stehend sterben als kniend leben. Deshalb m\u00f6chte ich mit einem letzten Zitat von Sophie Scholl meinen Beitrag beenden: <\/strong><em>\u201eIch bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt f\u00fcr mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.\u201c<\/em> <strong>Haben wir heute die Kraft ihr nachzueifern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quellen: B\u00fccher: Landkreis Neunkrichen, Eppelborner Biografisches Lexikon, 700-Jahre Dirmingen, Eppelborner Heimatheft, Homepage KZ T\u00f6tungseinrichtung Hadamar, KZ Ausschwitz, KZ Weilm\u00fcnster, Homepage: Stolpersteine Gunter Demnig, Wikipedia, <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schriftsteller Andreas Maier schrieb einmal in seinem Roman \u201eDie Familie\u201c den Satz: \u201eWir sind die Kinder der Schweigekinder\u201c. Mit den Schweigekindern ist die Nachkriegsgeneration bis zum Jahr 1960 gemeint. Dabei ist dies keineswegs als Beleidung zu verstehen. Die Schweigekinder wurden gelernt nicht dar\u00fcber zu reden. Die Schrecken des 2. 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