{"id":12298,"date":"2022-03-09T13:08:56","date_gmt":"2022-03-09T12:08:56","guid":{"rendered":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=12298"},"modified":"2022-03-31T12:59:27","modified_gmt":"2022-03-31T11:59:27","slug":"vom-seltsamen-recht-zum-kehren-und-anderen-dienstleistungen-an-der-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=12298","title":{"rendered":"Vom seltsamen &#8222;Recht zum Kehrens&#8220; und anderen Dienstleistungen an der Kirche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Besonders im Mittelalter wurde das Leben der Menschen durch die Kirche gepr\u00e4gt. Dabei spielte die eigene Perspektivlosigkeit, die schlechten Lebensbedingungen und mangelnde Hygiene eine gewichtige Rolle. Schlimme Krankheiten und Pandemien geh\u00f6rten zur Tagesordnung. Die Menschen glaubten damals fest daran, dass der Weg in Gottes Reich einzig und allein \u00fcber die Kirche f\u00fchrt. Die Kirche und allen voran der Papst bestimmten das Weltbild der Menschen. Dabei spielten die Kirchen Oberh\u00e4upter mit den Sorgen und \u00c4ngsten der Bev\u00f6lkerung. Der Umgang mit Krankheiten wie Pest oder Cholera wurde von Glauben, Aberglaube und Tradition gepr\u00e4gt. Krankheiten wurden nicht selten als Strafe Gottes oder Werk des Teufels dargestellt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Schon sehr fr\u00fch nutzte die Kirche ihre Einnahmen f\u00fcr den Bau von Gottesh\u00e4usern. Bis heute zeugen m\u00e4chtige Bauten von der uneingeschr\u00e4nkten Macht der Kirche. Nach dem 30-j\u00e4hrigen Krieg begann ein regelrechtes Wettbauen. Jedes Dorf dr\u00e4ngte mit Macht auf eine eigene Kirche. In der Grafschaft Nassau-Saarbr\u00fccken, zu der auch unser Heimatort geh\u00f6rte, wurden im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Kirchen errichtet. Auch in der Grafschaft Lothringen wurde mit Nachdruck Kirchenbauten aus dem Boden gestampft. Es schien, als h\u00e4tten die Menschen nichts aus der Geschichte gelernt,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Bereits bereits im Sp\u00e4tmittelalter kam es wegen dem  Alleinstellungsmerkmal der Kirche zunehmend zu Spannungen. Das Ganze gipfelte bekanntlich in der Ausgabe von Ablasspapieren und endete in Luthers Reformation. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg ging als Konfessionskrieg in die Geschichtsb\u00fccher ein. Am Ende k\u00e4mpften Deutsche gegen Schweden und Franzosen, Protestanten gegen Protestanten, Katholiken gegen Katholiken. Einfach jeder gegen jeden. Nicht selten k\u00e4mpfte ein S\u00f6ldner im Verlaufe des Krieges f\u00fcr mehrere Truppen oder Konfessionen. Gegen Ende des Krieges wusste niemand mehr so recht wof\u00fcr man gerade k\u00e4mpfte. Dabei ging es bei diesem Krieg ausschlie\u00dflich um die politische Macht in Mitteleuropa. Nat\u00fcrlich ging es am Ende aber auch um die Vormachtstellung der Kirche. Beide Konfessionen schenkten sich nichts und durften am Kriegsende mindestens f\u00fcnf Millionen Menschenopfer beklagen. Als h\u00e4tte man nicht genug Lehren gezogen, suchte die Bev\u00f6lkerung nach dem 30- j\u00e4hrigen Krieg erneut die N\u00e4he zur Kirche.<\/strong> <strong>Dies zeigt sich auch, wie bereits erw\u00e4hnt, im Wetteifern um neue Kirchenbauten.<\/strong> <strong>Das eigentliche Drama liegt darin, dass die Menschen tats\u00e4chlich die N\u00e4he zu Gott suchten und in der Kirche das falsche Bodenpersonal vorfanden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"457\" data-id=\"12305\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen259.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12305\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen259.jpg 640w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen259-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"442\" data-id=\"12303\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen251.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12303\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen251.jpg 640w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen251-300x207.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Dabei waren die Menschen erneut bereit f\u00fcr Seelenheil zu bezahlen. Das Ganze wurde jedoch anders verpackt und verkauft. Nicht selten war es \u00fcblich, dass der Kirche, dem Pastor oder Pfarrer ein K\u00fcchenservice, ein Nutzvieh oder eine gro\u00dfz\u00fcgige Spende zugesteckt wurde. Aus unserer Chronik geht hervor, dass ein Landwirt aus Berschweiler zur Taufe seines Nachk\u00f6mmlings der evangelischen Kirche ein Abendmahlgeschirr stiftete. Viele Pfarrer oder Pastor wurden t\u00e4glich zum Essen eingeladen. Damals war es eine Ehre einen Pfarrer als Gast zu haben. Bauernfamilien versorgten den ortsans\u00e4ssigen Pfarrer mit Lebensmitteln, Geld und nicht selten auch mit einer Herberge. Damals gab es keinen Mangel an Bewerbungen f\u00fcr K\u00fcsterdienste oder Friedhofsg\u00e4rtner. Die Menschen rissen sich um eine Dienstleistung f\u00fcr die Kirche. Eine Familie konnte mit einer Anstellung bei Kirchens ihren Stellenwert in der Dorfgemeinschaft erheblich aufwerten. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Im Jahre 1839 wurde in Dirmingen das sogenannte \u201eRecht des Kehrens\u201c versteigert. In alten Unterlagen des damaligen Kreises Ottweiler wurden Niederschriften gefunden in denen sich Einwohner um das &#8222;Recht des Stra\u00dfenkehrens\u201c bewerben konnten. Am 01.Juni 1839 hatte der damalige Beigeordnete von Dirmingen, Schneider, im Auftrag des B\u00fcrgermeisters Peter Thetard das Recht zum Kehren vor dem Pfarrhaus versteigert. B\u00fcrgermeister Peter Thetard verwaltete damals in Personalunion die beiden B\u00fcrgermeistereien Dirmingen und Eppelborn. Das \u201eRecht des Kehrens\u201c wurde unter festgeschriebenen Konditionen versteigert. In den vorhandenen Akten finden wir Hinweise darauf, dass das \u201eRecht des Kehrens\u201c jeweils f\u00fcr ein Jahr dem Meistbietenden zugesprochen wurde.&nbsp; Der P\u00e4chter muss jede Woche wenigstens zweimal kehren und den D\u00fcnger beseitigen. Der Pachtpreis musste dem Gemeindeeinnehmer in Illingen gezahlt werden. In Streitf\u00e4llen musste die k\u00f6nigliche Regierung in Trier \u00fcber das Kehrrecht entscheiden. Nicht selten f\u00fchrten die Eingegangenen Bewerbung zu Streitigkeiten in der Dorfgemeinschaft. Der sogenannte \u201eSteigerer\u201c des Kehrrechts hatte auf gerichtlichen Rekours zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Bergmann Jacob Guth\u00f6rl, Ackersmann zu Dirmingen, ersteigerte sich als erstes das Recht zum Preis von 21 Silbergroschen. Jacob Guth\u00f6rl konnte sich die Rechte des Kehrens rund um den Brunnen beim Pfarrhaus insgesamt drei Jahre lang leisten. Anschlie\u00dfend wurden weitere Stra\u00dfenteile an den H\u00f6chstbietenden versteigert. Der Pachtpreis musste stets zu Martini (Oktober) bezahlt werden. In der Regel bezahlten die P\u00e4chter 17 Silbergroschen und sechs Pfennige f\u00fcr eine Parzelle. Die Stra\u00dfen mussten mehrmals die Woche gekehrt werden, so dass die Kommunikation nicht gest\u00f6rt werden kann. In aller Regel waren es \u00fcberwiegend die Bauern, die das Kehrrecht einforderten.<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"774\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen290.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12306\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen290.jpg 640w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen290-248x300.jpg 248w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">In Dirmingen gab es eine Zeit in dem katholischen Einwohner dieses Kehrrecht nicht ersteigern durften. Die Anzahl katholischer Einwohner war im 19.Jahrhundert ohnehin sehr gering. Katholiken hatten in der Dorfgemeinschaft keinen leichten Stand und wurden nicht selten schlecht behandelt. Warum die Bauern damals gerne f\u00fcr die Arbeit bezahlten, und das Recht des Stra\u00dfenkehrens erwarben, ist nicht \u00fcberliefert. Wahrscheinlich war es der damaligen Stellung der Kirche geschuldet. Die Kirche spielte im 19. Jahrhundert eine gewichtige Rolle. F\u00fcr die Menschen war es damals eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit die Kirche mit eigenem Hab und Gut zu unterst\u00fctzen. Wie aus unserer Dorfchronik hervorgeht, war es nicht un\u00fcblich, dass nach Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen viele freiwillige Zuwendungen an die Kirche flossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Heute w\u00e4re das kaum vorstellbar, dass Menschen daf\u00fcr bezahlen um f\u00fcr eine Kommune oder eine Kirchengemeinde die Stra\u00dfe zu fegen. Im Anbetracht dessen, dass die Menschen damals nicht besonders wohlhabend waren, ist die H\u00f6he der Pacht beachtlich. Im Laufe der Jahre hat sich die Einstellung zur Kommune und zur Kirche ver\u00e4ndert. Unsere heutige Gemeinde Eppelborn w\u00fcrde sich bestimmt \u00fcber eine Wiedereinf\u00fchrung des Kehrrechts freuen.<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"415\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen609.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12308\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen609.jpg 640w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dirmingen609-300x195.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besonders im Mittelalter wurde das Leben der Menschen durch die Kirche gepr\u00e4gt. Dabei spielte die eigene Perspektivlosigkeit, die schlechten Lebensbedingungen und mangelnde Hygiene eine gewichtige Rolle. Schlimme Krankheiten und Pandemien geh\u00f6rten zur Tagesordnung. 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