{"id":15233,"date":"2023-06-03T14:24:09","date_gmt":"2023-06-03T13:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=15233"},"modified":"2023-06-03T14:24:13","modified_gmt":"2023-06-03T13:24:13","slug":"dirmingen-ein-tag-im-jahr-1635","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=15233","title":{"rendered":"Dirmingen &#8211; Ein Tag im Jahr 1635"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Dirmingen im 30-j\u00e4hrigen Krieg. Das Land liegt in Tr\u00fcmmern. Der 30-j\u00e4hrige Krieg geh\u00f6rte zu den blutigsten Ereignissen Europas. Was als Religionskonflikt zwischen Protestanten und Katholiken begann, m\u00fcndete in einer Katastrophe. Der Krieg begann mit dem Aufstand des protestantischen Adelsbundes gegen die gewaltsame Rekatholisierung durch die habsburgischen Landesherren. Mit dem sogenannten Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 begann einer der schrecklichsten Kriege Europas. Dabei war der Krieg am Ende nicht nur ein Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, sondern auch zwischen den europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chten. Das Gemetzel dauerte ganze 30 Jahre und kostete zwischen drei bis neun Millionen Menschen das Leben. Bei einer gesch\u00e4tzten Gesamtbev\u00f6lkerung von 15 bis 20 Millionen Menschen liegt die Opferzahl in Relation h\u00f6her als die des Zweiten Weltkriegs. Die Auswirkungen des drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges waren besonders in den D\u00f6rfern sp\u00fcrbar. Als der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg im Jahre 1618 ausbrach, war die heutige Saargegend zun\u00e4chst kaum davon ber\u00fchrt. Im Jahre 1624 erschienen erstmals Soldaten an der Saar. Langsam bekamen auch die Menschen an der Saar die Auswirkungen dieses furchtbaren Krieges zu sp\u00fcren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Wie aber sah es damals, w\u00e4hrend des 30-j\u00e4hrigen Krieges, in unserem D\u00f6rfchen aus? Im Jahre 1634 gab es in Dirmingen nachweislich noch eine Kirche, ein Pfarrhaus und insgesamt 54 H\u00e4user. Darunter waren zahlreiche H\u00e4user, die nicht mehr oder nur noch sporadisch bewohnt waren. Ein Versuch, einen Tag in Dirmingen im Jahre 1635 zu rekonstruieren, sollte naturgem\u00e4\u00df scheitern. Schlie\u00dflich war ich aus nat\u00fcrlichen Gr\u00fcnden selbst nicht dabei. Ich habe einmal mehr versucht, einen Tag in Dirmingen im Jahre 1635 nachzustellen. Ich werde bei diesem Versuch bestimmt nicht frei von Fehlern gehandelt haben. Dennoch oder \u201cgraad se l\u00e4\u00e4ds\u201d m\u00f6chte ich es wagen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Georg Zedinger ist seit einem Jahr Pfarrer des kleinen Dorfes am Zusammenfluss der Ill und Alsbach. Als er am Morgen des 12. Oktober 1635 die Augen \u00f6ffnet. h\u00f6rt er den Regen auf das Dach seiner Unterkunft prasseln. Langsam schwingt er seine Beine aus dem Bett, um dann sein Gesicht in seine gro\u00dfen H\u00e4nde zu legen. Er w\u00fcnscht sich endlich aus diesem Alptraum aufzuwachen. Als er vor Jahr und Tag Pfarrer von Dirmingen wurde, hatte er viele W\u00fcnsche und Pl\u00e4ne in seinem Gep\u00e4ck. Der Krieg hat all\u2018 seine Tr\u00e4ume zerst\u00f6rt und ihm ein Leben in trister Armut beschert. Von einer seelsorgerischen Arbeit eines Dorfpfarrers kann kaum die Rede sein. Zedinger erhebt sich aus seinem Bett und tritt vor einen zerbrochenen Spiegel der lose an der Wand h\u00e4ngt. Was g\u00e4be er f\u00fcr einen Topf frischen, warmen Wassers und ein St\u00fcck Seife. Er nimmt sein Hemd von einem Stuhl und setzt sich wieder auf sein Bett. Dieses Bett, ein Tisch und der Stuhl mit ein paar Habseligkeiten sind alles, was ihm geblieben sind. Er nimmt seine Bibel in die Hand und dr\u00fcckt sie fest an seine Brust. Sein Vater hatte ihm einst diese Bibel geschenkt. Er sollte einmal ein gutes Leben als Dorfpfarrer f\u00fchren und sich in seiner Arbeit verwirklichen. Dieser Wunsch scheint durch den Krieg in weite Ferne ger\u00fcckt zu sein. T\u00e4glich streifen neue Soldateska durch das Land und machen sich auf die Suche nach Beute. Die wenigen Leute, die im Dorf geblieben sind, m\u00fcssen jeden Tag in den Wald fl\u00fcchten und dort so lange verharren, bis sich die S\u00f6ldner wieder davon machen. Wie lange soll dieses Elend noch anhalten. Zedinger geht zum Fenster und blickt in Richtung Dorfmitte. \u00dcber allem ragt das kleine Kirchlein in der Ortsmitte. Er denkt: \u201eGottlob blieb unser Gotteshaus bis dahin verschont\u201c. Zeidinger nimmt tief Luft und sch\u00fcttelt seinen Kopf. Er fragt sich, wie viele Gottesdienste er bis heute gehalten hat. Seine Arbeit beschr\u00e4nkt sich seit seiner Ankunft nur noch auf das Beerdigen der vielen verstorbenen Dorfbewohnern und dem Tr\u00f6sten der Hinterbliebenen. Der Pfarrer senkt seinen Kopf und fragt sich, was ihn noch in diesem Dorf h\u00e4lt. Warum hat er nicht l\u00e4ngst das Weite gesucht? Aber, wohin? Boten berichteten davon, dass es D\u00f6rfer gibt, in denen sich die Menschen vor Hunger selbst zerfleischen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em> \u00a0<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"473\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/1-700x331.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7805\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/1-700x331.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/1-300x142.jpg 300w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/1-768x363.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/1.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>Als er seinen Kopf wieder hebt sieht der Pfarrer den Meier Konrad Sultzen \u00fcber die Stra\u00dfe in Richtung Pfarrhaus eilen. Der Pfarrer streift seinen Mantel \u00fcber und geht zur Haust\u00fcr. Als er die T\u00fcr \u00f6ffnet steht der Meier bereits vor ihm und kommt ohne Gru\u00df auf den Punkt: \u201eItzen hott et noch dat Kleene vom Bauer Martin krett, dau musschd kumme.\u201c Der Pfarrer f\u00e4hrt sich durch den vollen Bart und murmelt: \u201eis et Typhus orra de Hunga?\u201c Stultzen hebt die Schultern und sch\u00fcttelt verzweifelt den Kopf. \u201eDer darf itze net noch dat letzchde Kennd verliere\u201c. Der Pfarrer nickt verst\u00e4ndnisvoll und entgegnet: \u201eIch benn Parre on kenn Quacksalber\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Die beiden M\u00e4nner laufen in Richtung Berschwilre. Der Bauer Martin wohnt unterhalbe der Alsbach- M\u00fchle zwischen Berschwilre und Derming. In H\u00f6he der Kirche kommt Margarethe die Frau des Meiers Sultzen den beiden M\u00e4nnern entgegen. Mit Tr\u00e4nen in den Augen legt sie ihren Kopf auf die Brust ihres Mannes und sagt leise: \u201eEs Kennd es itze grad Gang, der Herrgott hott et geholl\u201c. Stultzen k\u00fcsst seine Frau auf das Haar und dr\u00fcckt sie fest an seine Brust. Verzweifelt blickt er den Pfarrer an und sch\u00fcttelt wieder Mals den Kopf. Der Pfarrer nimmt seinen Hut vom Kopf und f\u00e4hrt sich durch das graue Haar. \u201eGeh\u2019n Hemm. Ich geh\u2018 itzen hin zum Bauer und bete f\u00fcr sei Familich\u201c. Konrad Sultzen nickt und geht mit seiner Frau Margarethe in Richtung seines Hauses an der Illaue. Der Pfarrer blickt den Beiden hinterher und grummelt in seinen Bart: \u201eWieviel messe noch geh\u2019n, wann ist\u2018s zu End?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Mit schwerem Herzen geht der Pfarrer in Richtung Hof des Bauers Martin. Der Regen wird st\u00e4rker und durchn\u00e4sst seine Kleidung. Zeidinger wischt sich durch sein Gesicht und beginnt ein Selbstgespr\u00e4ch zu f\u00fchren: \u201eHerrgott, wie lang wilschd dau noch zugucke? Mir sterwe die Leit weg wie Motte. Mir hann nur noch 15 Leit em Dorf. Itze muss et Enne.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Als Georg Zedinger vor der T\u00fcr des Hofes steht h\u00f6rt er schon das Weinen und Klagen der Frauen. Bauer Martin hat in diesen Zeiten alle vier Kinder verloren. Der Pfarrer klopft an die schwere Holzt\u00fcr und ruft: \u201eH\u00f6rt, itzen es hier euer Parre, mache off?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Bauer Martin \u00f6ffnet die T\u00fcr und blickt den Pfarrer mit leeren Augen an. \u201eWas wollt\u2018 ihr Pfaffe? Do is keen heil Seel me se fenne. Mei Kenna hott allegare der Krieg orra die Seuch geholl\u2018\u201c. Pfarrer Zedinger geht an dem Bauer vorbei in das Haus und murrt:\u201c Loss uus bete\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Martin setzt sich an seinen gro\u00dfen Holztisch und blickt den Pfarrer vorwurfsvoll an: \u201eIhr glaabt itze immernoch an de Herrgott? Wenn et denne werklich gebt, t\u00e4t er dohei ebbes mache.\u201c Elisabeth die Frau des Martin betritt apathisch den Raum. Der Pfarrer stellt sich vor Sie hin und sagt:\u201c Elsbeth, et tut mir leed\u201c. Die Frau blickt durch den Pfarrer durch und verl\u00e4sst das Haus. \u201eLoss et geh\u2018n\u201c, sagt der Bauer, \u201esie hat de Glaabe verlor\u2018\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Pfarrer Zedinger nickt, zieht seinen Hut auf und verl\u00e4sst ebenfalls das Haus. Der Regen hat aufgeh\u00f6rt und der Pfarrer geht in Richtung seiner H\u00fctte. In H\u00f6he der Kirche kommen zwei Reiter aus Richtung Eppelbrunn angeritten. Der Pfarrer erschreckt und beschleunigt seinen Gang. \u201eSenn das werra die Soldadeska?\u201c fragt sich der Geistliche. Als die beiden Reiter den Pfarrer in der Ferne ersp\u00e4hen geben Sie ihrem Pferd die Peitsche. Nach nur wenigen Augenblicken haben Sie den Dorfpfarrer eingeholt. Zedinger hat keine Angst. Pr\u00fcfend blickt er den beiden Reitern ins Gesicht und fragt:\u201c Was soll\u2018 es itze werden? Keen Geld, keen Essen und nur noch wenig Leben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>\u201eSeid ihr der Paffke in diesem Geh\u00f6f\u2018?\u201c Zedinger nickt und erwidert: \u201eWer fragt\u201c? \u201eIch bin Rentmeister Klicker, ich bereise das nassauische Land, um dem F\u00fcrsten Meldung zu geben. Mein Weg f\u00fchrt mich zur kerpischen Reichsherrschaft nach Illing und ebend nach Ottwilre. Wir kommen von der buseckischen Herrschaft Eppelbrunn das dem lothringischen Oberamt Schaumburg untersteht. Dort in Eppelbrunn haben wir nur noch eine alte Frau angefunden. Habt ihr davon geh\u00f6rt, dass in Saarbruck nur noch 70 Menschen leben? Wie vielen Seelen sind hier noch mit Leben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Pfarrer nimmt wieder seinen Hut vom Kopf und klopft damit seine staubige Hose aus. \u201eItze senn es noch 15 Leut\u2018 Herr Rentmeister Klicker.\u201c Der gro\u00dfe, karge Mann auf dem Pferd nickt und spuckt auf die schlammige Stra\u00dfe. \u201e 15 Seelen ? Und wie hei\u00dft dieses Dorf?\u201c Der Pfarrer schaut dem Rentmeister tief in die Augen und antwortet schlie\u00dflich: \u201eDerming\u2018 ist\u2019s\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Rentmeister steigt von seinem Pferd und reicht seinem Gef\u00e4hrten die Z\u00fcgel. \u201eDie Soldateska treiben auf f\u00fcrchterliche Weise ihr Unwesen. H\u00f6fe werden niedergebrannt, Felder verw\u00fcstet, Vieh geschlachtet, Menschen verjagt, gefoltert, gesch\u00e4ndet oder get\u00f6tet. Diejenigen die nicht umgebracht wurden, sterben an Hunger, Seuche oder Krankheit. Sagt, habt ihr noch Essen?\u201c Der Pfarrer sch\u00fcttelt den Kopf und antwortet:\u201c Nur dad wat ma verstoppelle kunnde, et reicht net zum L\u00e4we.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Rentmeister nickt und legt seine Hand auf die Schulter des Pfarrers. \u201e\u00dcberall erschlagene, gefolterte, geschundene und vergewaltigte Menschen, die nicht begraben wurden und einfach vor sich hin verwesen. Ausgebrannte St\u00e4dte, verw\u00fcstete D\u00f6rfer, kahle \u00c4cker und verbrannte Erde. Ich bin es so m\u00fcde. Unter den Adligen bei Hofe glaubt man, dass in den D\u00f6rfern am Ende keiner \u00fcberleben wird. Glaubt ihr das? \u201c Der Pfarrer nickt zustimmend und blickt in Richtung seiner Unterkunft. \u201eIst es euch, dort lebt ihr?\u201c fragt der Gef\u00e4hrte des Rentmeisters. \u201cJo, vor dem Krieg wollt\u2018 das Dorf itze e Pfarrhaus baue, doraus es nix mehr genn.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"435\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2-700x435.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7807\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2-700x435.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2-300x187.jpg 300w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2-768x478.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">dav<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Rentmeister geht in die Hocke, nimmt ein St\u00fcck Lehm in die Hand und raunt: \u201eVerbrannte Erde\u201c. Ich muss dem F\u00fcrsten berichten, wie es in seinem Reich zugeht. Habt ihr Wasser? Der Pfarrer sch\u00fcttelt den Kopf. Der Rentmeister geht zu seinem Pferd und sagt: <strong><em>\u201eIn dem St\u00e4dtlein Ottweiler, darin die Vorstadt mehrenteils abgebrannt, befinden sich nicht mehr als zehn gesunde B\u00fcrger und sieben Kranke, die \u00fcbrigen s\u00e4mtlich nebst dem gr\u00f6\u00dften Teil der Untertanen vom Land an der Pest und anderen infizierenden Schwachheiten verstorben und die \u00fcbrigen noch t\u00e4glich l\u00e4gerhaft werden, daher alle H\u00e4user mit der Schwachheit angesteckt. Auch hat kein einziger B\u00fcrger Brot und das Geringste an Fr\u00fcchten im Vorrat, sondern sie m\u00fcssen sich nun eine geraume Zeit hero von bishero insoliert gewesen F\u00fcrstenbergischen Soldaten, denen sie au\u00dferhalb dreschen und beitragen helfen, ern\u00e4hren. Die Dorfschaften, so zu diesem Amt geh\u00f6rig, sind bis auf f\u00fcnf D\u00f6rfer, darinnen aber die Untertanen fast g\u00e4nzlich hinweggestorben, abgebrannt und in dem ganzen Amt keine Frucht noch F\u00fctterung mehr vorhanden. Was man haben will, muss man mit Gefahr in den lothringischen und trierischen \u00c4mter Schaumberg und St. Wendel abholen. Exwilre, Schiffwilre, Stennwilre, Mainzwilre, Hirzwilre, Wemmetswilre, Neum\u00fcnster und Steinbach sind durch den trierischen Gubernator Cherfontaine ganz in Asche gelegt. In Ober -und Niederlinxwilre , Berschwilre und hier in Derming stehen nur noch etliche H\u00e4user. In F\u00fcrth leben noch zwei Untertanen, D\u00f6rrenbach ist ausgestorben bis auf zwei kleine M\u00e4dchen. Welschbach ist ganz ausgestorben, Wiebelskirchen ist bis auf vier Untertanen ausgestorben, Neunkirchen und Spiesen sind mehr als halber abgebrannt. In diesen beiden Orten leben nicht mehr als vier Untertanen, Wellesweiler ist fast ganz ausgestorben und teils verbrannt ( Originalbericht des Rentmeisters Klicker). <\/em><\/strong>Auf meiner Reise durch das Reich sah ich viel Not und Elend. Das Volk hat sich aufgegeben und scheint verloren. Sagt, wollt\u2018 ihr nur beim Sterben zusehen, Paffke?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Rentmeister setzt sich wieder auf sein Pferd und blickt den Pfarrer fragend an. Schlie\u00dflich fordert er: \u201eHolt die Leute zusammen und lasst sie alle zur Kirche kommen. Ich m\u00f6chte etwas kundtun. \u201c Der Pfarrer blickt den Rentmeister ungl\u00e4ubig an und entgegnet: \u201eMeint ihr wirklich, die Leut\u2018 k\u00e4me hierher? Alle sitze itze en ihrem Versteck on senn vor Angschd geplagt. Do kemmt doch keena raus. Ich wei\u00df doch garnet ob itze noch enna gestorb\u2018 es.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Rentmeister nickt, rei\u00dft die Z\u00fcgel um und reitet in Richtung Illaue. Am ersten v\u00f6llig zerst\u00f6rten Haus angekommen erhebt der Kurier seine Stimme: \u201eWenn nassauisch- protestantische Leut\u2018 in der N\u00e4he sind, solltet ihr heraustreten. Es soll euch kein Leid geschehen. Der F\u00fcrst sendet euch eine Botschaft.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Nach wenigen Sekunden \u00f6ffnet sich die erste T\u00fcr. Die alte Luise tritt aus ihrem Haus und blickt \u00e4ngstlich in Richtung des Rentmeisters. \u201eWas?\u201c faucht die Alte den f\u00fcrstlichen Boten an. Ein paar Meter weiter kommt der Weber Matthias Engel mit einer Heugabel bewaffnet auf die Stra\u00dfe.&nbsp; \u201eWas wollt ihr verdammten Soldadeska?\u201c Gerade als der Rentmeister Rede und Antwort stehen m\u00f6chte erklingt hinter ihm eine Stimme: \u201eWer seid ihr?\u201c Der Rentmeister und sein Gef\u00e4hrte wenden ihre Pferde und erblicken einen jungen Mann und eine junge Frau. Der Mann h\u00e4lt ein Kn\u00fcppel in seiner Faust und die Frau ist mit einer Heudresche bewaffnet. \u201eWas wollt ihr\u201c, fragt der junge Mann erneut mit scharfer Stimme: \u201eIch bin Johannes und dass es mein Weib Anna, mir wisse uns zu verteidigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Rentmeister hebt beruhigend die H\u00e4nde und sagt mit fester Stimme: \u201eIch komme im Auftrag des F\u00fcrsten zu Nassau-Saarbruck. Ich komme, um nach den Lebenden Ausschau zu halten und um dem F\u00fcrsten zu berichten. Wie ist es euch ergangen?\u201c Die Dorfbewohner schauen sich gegenseitig an, bis der der Weber Engel fragt: \u201eHabt ihr ein paar Gulden oder etwas zu Essen f\u00fcr uns?\u201c \u201eNein\u201c, entgegnete der Rentmeister, \u201eIhr solltet das Dorf verlassen und mit uns nach Ottwilre kommen. Vielleicht ergeht es euch dort besser als an diesem uns\u00e4glichen Geh\u00f6f\u2018. \u201eDieses Geh\u00f6f es uusa Dehemm\u201c zischt der junge Johannes in Richtung der beiden Reiter. \u201eMir bleiwe itze hier, en ussem Dorf\u201c erg\u00e4nzt die junge Anna.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Rentmeister nickt verst\u00e4ndnisvoll und erwidert: \u201eNiemand m\u00f6chte euch zwingen, aber bedenkt hier seid ihr weiterhin ungesch\u00fctzt\u201c. Der junge Johannes schaut seinen Pfarrer an und erwidert trotzig: \u201eWas soll noch komme? Was solle ma noch iwwastehen? Wer sagt, dass et uus en Ottwilre nett dadselwe widerf\u00e4hrt?\u201c Pfarrer Zeidinger hebt seine H\u00e4nde und versucht die Spannung aus der Situation zu nehmen: \u201eLosse die Waffe falle, der Rentmeister es keen Gefahr fier euch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Der Regen wird st\u00e4rker und die Kleidung des Pfarrers ist bis auf den Lein durchn\u00e4sst. \u201eSeht Herr Rentmeister, die Leut bleiwe hier, wer sollt et uus verdenke?\u201c Der Rentmeister nickt seinem Gef\u00e4hrten zu und erwidert:\u201c Ja, wer soll es euch verdenken. Gehabt euch wohl.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Die beiden Reiter verlassen in Richtung Wustwilre das Dorf und blicken nicht mehr zur\u00fcck. Die Bewohner sehen sich kurz um und gehen mit h\u00e4ngenden K\u00f6pfen zur\u00fcck in ihre zerst\u00f6rten H\u00e4user. Pfarrer Zedinger nickt seinen Landsleuten aufmunternd zu und setzt seinen Weg in Richtung seiner Behausung fort. Mit gesenktem Haupt schreitet der Pfarrer \u00fcber die schlammigen Stra\u00dfen und hat gro\u00dfe M\u00fche in den vielen Pf\u00fctzen das Gleichgewicht zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>In H\u00f6he des Br\u00fchls kommt der Meier Konrad Schultzen dem Pfarrer entgegengeeilt. \u201eSagt, Paffke, wat wollte die M\u00e4nner? Waren es Soldadeska, Wegelagerer orra Bettler?\u201c \u201eKuriere des F\u00fcrsten war\u2019ens\u201c, raunte der Pfarrer. \u201eSie wollten uns mit hole nach Ottwilre zum F\u00fcrsten. Dort w\u00e4re et sicher!\u201c Der Meier legt die H\u00e4nde in seine H\u00fcfte und blickt in Richtung Wustwilre. Der Regen hat mittlerweile nachgelassen und die beiden M\u00e4nner verharren nebeneinander. Der junge Maier Konrad Schultzen bricht endlich das Schweigen und sagt: \u201eSchon recht, mir bleiwe itze hier, en unsem Dorf, do hott et angefang\u2018 on do soll et ach emol enne.\u201c Der Pfarrer klopft dem Maier anerkennend auf die Schulter und geht in Richtung seiner Baracke.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Der Rentmeister ist v\u00f6llig ersch\u00f6pft als er in Ottwilre ankommt. M\u00fcde wirft er seinem Gef\u00e4hrten die Z\u00fcgel seines Pferdes zu und begibt sich in Richtung des alten Schlosses. Der F\u00fcrst sitzt an einem gro\u00dfen Tisch und verbirgt sein Gesicht in seinen beiden gro\u00dfen H\u00e4nden. Graf Walrad zu Nassau-Saarbr\u00fccken war als siebenter und j\u00fcngster Sohn des Grafen Wilhelm Ludwig erst seit einigen Monaten im Amt. Der junge Graf hatte sich seine Regentschaft weitaus sch\u00f6ner vorgestellt. Der Rentmeister Klicker tritt an den gro\u00dfen Tisch des F\u00fcrsten und murmelt leise: \u201eMein F\u00fcrst, ihr hattet mich gebeten Meldung \u00fcber das Land zu machen. Darf ich kundtun?\u201c Der F\u00fcrst blickt seinen Untertanen an und murmelt in seinen Bart: \u201cSprecht Klicker\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong><em>Der Rentmeister berichtet: \u201eIn dem St\u00e4dtlein Ottweiler, darin die Vorstadt mehrenteils abgebrannt, befinden sich nicht mehr als zehn gesunde B\u00fcrger und sieben Kranke, die \u00fcbrigen s\u00e4mtlich nebst dem gr\u00f6\u00dften Teil der Untertanen vom Land an der Pest und anderen infizierenden Schwachheiten verstorben und die \u00fcbrigen noch t\u00e4glich l\u00e4gerhaft werden, daher alle H\u00e4user mit der Schwachheit angesteckt. Auch hat kein einziger B\u00fcrger Brot und das Geringste an Fr\u00fcchten im Vorrat, sondern sie m\u00fcssen sich nun eine geraume Zeit hero von bishero insoliert (einquartiert) gewesen F\u00fcrstenbergischen Soldaten, denen sie au\u00dferhalb dreschen und beitragen helfen, ern\u00e4hren. Die Dorfschaften, so zu diesem Amt geh\u00f6rig, sind bis auf f\u00fcnf D\u00f6rfer, darinnen aber die Untertanen fast g\u00e4nzlich hinweggestorben, abgebrannt und in dem ganzen Amt keine Frucht noch F\u00fctterung mehr vorhanden. Was man haben will, muss man mit Gefahr in den Lothringischen und Trierischen \u00c4mter Schaumberg und St. Wendel abholen. Exweiler, Schiffweiler, Stennweiler, Mainzweiler, Hirzweiler, Wemmetsweiler, Neum\u00fcnster und Steinbach sind durch den trierischen Gubernator Cherfontaine ganz in Asche gelegt. In Ober -und Niederleinxweiler , Berschweiler und Dirmingen stehen nur noch etliche H\u00e4user. In F\u00fcrth leben noch zwei Untertanen, D\u00f6rrenbach ist ausgestorben bis auf zwei kleine M\u00e4dchen. Welschbach ist ganz ausgestorben, Wiebelskirchen ist bis auf vier Untertanen ausgestorben, Neunkirchen und Spiesen sind mehr als halber abgebrannt. In diesen beiden Orten leben nicht mehr als vier Untertanen, Wellesweiler ist fast ganz ausgestorben und teils verbrannt.\u201c<\/em><\/strong> <strong>(Originalbericht des Rentmeisters Klicker im Jahre 1635)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Diese Geschichte ist auf der Grundlage historischer Ereignisse frei erfunden, wobei es die namentlich erw\u00e4hnten Personen tats\u00e4chlich gegeben hat. Ziel ist es den Lesern und Menschen unseres Heimatortes die Geschichte Dirmingens n\u00e4her zu bringen und dem Vergessen entgegenzuwirken. So wie in dieser frei erfundenen Geschichte, k\u00f6nnte es sich am Ende tats\u00e4chlich zugetragen haben<\/strong>\u00a0<strong>!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"487\" height=\"693\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Nassau.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7998\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Nassau.jpg 487w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Nassau-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 487px) 100vw, 487px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"1131\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4-700x1131.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7809\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4-700x1131.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4-186x300.jpg 186w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4-768x1241.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4-950x1536.jpg 950w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/4.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirmingen im 30-j\u00e4hrigen Krieg. 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