{"id":15906,"date":"2023-10-26T17:02:14","date_gmt":"2023-10-26T16:02:14","guid":{"rendered":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=15906"},"modified":"2023-10-26T17:10:37","modified_gmt":"2023-10-26T16:10:37","slug":"dirmingen-ein-tag-im-jahr-1746","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=15906","title":{"rendered":"Dirmingen &#8211; Ein Tag im Jahr 1746"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Dirmingen im 18. Jahrhundert. Im Saargebiet herrscht Frieden. Der Landesherr F\u00fcrst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbr\u00fccken nutzt die Zeit zum Aufbau und zur Entwicklung des Landes. Mit ambitionierten und teuren Bauprojekten werden neue Residenzen und Prachtbauten erbaut. Bis heute pr\u00e4gen die damals errichteten barocken Schl\u00f6sser und Kirchen das Gesicht vieler saarl\u00e4ndischer St\u00e4dte und auch D\u00f6rfer. Mit dem Saarbr\u00fccker Schloss, der Ludwigskirche oder auch der Residenzstadt Blieskastel finden sich herausragende Beispiele barocker Baukunst an Saar und Blies. Friedrich Joachim Stengel z\u00e4hlt zu den bekanntesten Stadtplanern und Architekten, die das Gesicht der Stadt Saarbr\u00fccken und die Herrschaft von Nassau-Saarbr\u00fccken nachhaltig ver\u00e4ndert haben. Im 18. Jahrhundert  wurde viele gute Errungenschaften auf den Weg gebracht: Dazu geh\u00f6rte die  Verbesserung des Landbaus, die Einf\u00fchrung der Schulpflicht, die Reform von Justiz und Verwaltung und die Gew\u00e4hrung religi\u00f6ser Toleranz. Eisen- und Glash\u00fctten wurden gef\u00f6rdert und der Steinkohlebergbau unter staatlicher Obhut systematisiert. Die Bev\u00f6lkerung wuchs nach den schlimmen Kriegswirren im 17. Jahrhundert rapide an. Friedrich Joachim Stengel baute w\u00e4hrend seiner Amtszeit neben den vielen gro\u00dfartigen Prachtbauten auch viele kleinere Kirchen in den D\u00f6rfern der Grafschaft. Eine davon befindet sich in Dirmingen!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Wie aber sah es damals im 18. Jahrhundert in unserem D\u00f6rfchen aus? In Dirmingen lebten im Jahr 1746 ca. 650 Einwohner. Dabei waren gut 95% davon lutherisch. In der Grenzregion zwischen der Grafschaft Saarbr\u00fccken-Nassau und Lothringen fand auch zu dieser Zeit eine Grenzregulierung statt In diesem Rahmen wurden zahlreiche Grenzsteine an der Gemarkung Dirmingens errichtet. Am 27.April des Jahres 1746 wurde der Grundstein f\u00fcr den Neubau der Dorfkirche in der Ortsmitte gelegt. Dabei wurde der untere Teil des historischen Turmes erhalten. Schon am 06.November 1746, nach einer Bauzeit von nur einem halben Jahr, fand die Kirchweihe statt. Ein Versuch, einen Tag in Dirmingen im Jahre 1746 zu rekonstruieren, sollte naturgem\u00e4\u00df scheitern. Schlie\u00dflich war ich aus nat\u00fcrlichen Gr\u00fcnden selbst nicht dabei. Dennoch habe ich einmal mehr versucht, einen Tag in Dirmingen im Jahre 1746 nachzustellen. Ich werde bei diesem Versuch bestimmt nicht frei von Fehlern gehandelt haben. Dennoch oder \u201cgraad se l\u00e4\u00e4ds\u201d m\u00f6chte ich es wagen:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"644\" height=\"848\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Kirsch-Pfarrer-Engel-644x848.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4744\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Kirsch-Pfarrer-Engel-644x848.jpeg 644w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Kirsch-Pfarrer-Engel-228x300.jpeg 228w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Kirsch-Pfarrer-Engel-768x1011.jpeg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Kirsch-Pfarrer-Engel.jpeg 835w\" sizes=\"auto, (max-width: 644px) 100vw, 644px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Heinrich Wagner steht zufrieden vor der neuerbauten Kirche und zieht den Kragen seines Mantels hoch. Der 28. Oktober 1746 ist ein nasskalter, nebelverhangener Herbsttag. &#8222;Wer h\u00e4tt&#8216; das gedacht&#8220;, murmelt sich der Pfarrer leise in den Bart. &#8222;Wat meint ihr, Paffe?&#8220;, raunt ein b\u00e4rtiger H\u00fcne dem Pfarrer entgegen. Wagner blickt den rothaarigen Zimmermann Mathias \u00fcberrascht an und antwortet: &#8222;Dat mir mol hier em Dorf e nei Kirchlein bek\u00e4me, h\u00e4tt&#8216; ich net geglaabt.&#8220; Der Pfarrer reibt sich die Arme und f\u00e4hrt fort: &#8222;W\u00e4schde Zimmermann, als eich vor 4 Jahren hierher kam, war dat Dorf bettelarm on keen Mensch wollt&#8216; hei bleiwe. Bei meinem Oufzug wurde mir nichts von da Wittib (Witwe) meines antecessoris ( Vorg\u00e4nger) Pfarrer Morch zereckgeloss. Selbschd die Dung on die Kraut- on Kappes-St\u00fccker hat die Wittib behall&#8216;. On jetzt, do hann ma e nei Kirchlein. Wer d\u00e4t&#8217;s glaawe. Gottlob es ball die Zeit vorbei, en der mir en ussem Paarhaus muschde de Gottesdienst halle.&#8220; &#8222;Noch  es et net soweit, Paffe&#8220;, raunt der knurrige Zimmermann zur\u00fcck. &#8222;Et zieht R\u00e4\u00e4n \u00f6ff on mir messe gucke, dat mir heit fertich genn, uff Mittach es Abnahme .&#8220; &#8222;So soll es sein&#8220;, entgegnet der Pfarrer. &#8222;Die Gemeen will n\u00e4schd Woch&#8216; Kirchweih feire&#8220;, triumphierte der Pfarrer voller Stolz. <\/em>&#8222;Ey dann geh fott, on steh net em Wech, vom Gucke es noch keen Bau fertich genn, edler Paffe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Der Pfarrer wirft dem Zimmermann einen verachtungsvollen Blick zu und dreht sich in Richtung Illaue. Mit gro\u00dfen Schritten verl\u00e4sst er den Kirchhof  und nimmt den Weg zum Pfarrhaus. Vielleicht hat seine Frau Maria-Angelika einen Kaffee gekocht. Bei dem Gedanken an seine Frau wird ihm schwer ums Herz. Von ihren 9 gemeinsamen Kindern haben nur 5 \u00fcberlebt. Der Pfarrer vergr\u00e4bt seinen Mund im Kragen und murrt: &#8222;Ein Kind sollte nie vor den Eltern geh&#8217;n. Wat hann eich nur verbroch, Herrgott?&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Pl\u00f6tzlich rei\u00dft ein lauter Ruf den Pfarrer aus seinen Gedanken: &#8222;Heinrich, Henrich, hall doch mol aan.&#8220; Der Gottesmann dreht sich um und blickt dem Meyer Hans Nicol Wagner ins Gesicht. <\/em>&#8222;Wat&#8220;, faucht der Pfarrer den Meyer an. &#8222;Wat gebt&#8217;s Hans?&#8220; Der Meyer spuckt seinen Priem auf die staubige Stra\u00dfe und fragt: &#8220; Wie soll et nach der Weihe weirrageehn, Paffe. Mir wollte doch Zimmersch offm Hof feire. Was wenn&#8217;s r\u00e4\u00e4nt ?&#8220; Der Pfarrer blickt in Richtung Kirche und raunt: &#8222;Der Herr wird&#8217;s richten, liewa Hans.&#8220; Der Meyer zuckt mit den Schultern und blickt nach unten. &#8222;Das helft mir itze aach net weirra, Parre. Kenne ma net denno grad em neue Kirchlein feire ?&#8220; Der Pfarrer blickt den Meyer vorwurfsvoll an: &#8222;Dat es net dein Ernschd Hans Nicol Wagner?&#8220; Der Meyer winkt resigniert ab, dreht sich weg und geht in Richtung Kirchhof zur\u00fcck. Der Pfarrer blickt seinem Sch\u00e4fchen nach und sch\u00fcttelt fassungslos das Haupt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Als er die schwere T\u00fcr zum Pfarrhaus \u00f6ffnet kommt ihm seine kleine Tochter Klara Christiana Johanette entgegengerannt. &#8222;Papa, Papa, darf eich met zur Kerch gucke ? Du haschd versproch, das eich schonmol e reen darf. Gell&#8216; dau haschd et versprooch.&#8220; &#8222;Klara, h\u00f6r auf deinen Vater zu nerven, du G\u00f6re&#8220;, schmunzelnd steht die Pfarrfrau am T\u00fcrrahmen zur K\u00fcche. &#8222;Kaffee der edle Herr? Der Pfarrer nickt und klopft im vorbeigehen seiner Frau auf das Ges\u00e4\u00df.  &#8222;Wenn eich dich net h\u00e4tt, Marie, h\u00e4tte et mir net gepackt.&#8220; Die Pfarrfrau geht zu ihrem Mann und f\u00e4hrt ihm z\u00e4rtlich und verst\u00e4ndnisvoll durchs volle Haar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Als der Pfarrer die Tasse zum trinken ansetzen m\u00f6chte, klopft es an der schweren h\u00f6lzernen T\u00fcr. &#8222;Parre, mach off, der Meischda schickt mich, der Matthias !&#8220; Heinrich Wagner \u00f6ffnet die T\u00fcr und blickt den jungen Casper vorwurfsvoll an. &#8222;Wat gibt&#8217;s ?&#8220; Der Meischda Matthias well das de mol wehe dem Kruzifix kemmschd. Solle ma dat am Altar feschdmache orra an da Wand ?&#8220; Der Pfarrer nimmt tief Luft und schnauft den Lehrbuben w\u00fctend an: &#8222;Ihr Taugenichts, muss ich eich werklich alles saan, wat soll dat Kreuz an der Wand, du Narr&#8220;. Marie steht hinter ihrem Mann und kneift ihm liebevoll in den R\u00fccken. &#8222;Der Junge kann nix daf\u00fcr, Heinrich. Geh&#8216; dabba hin, eich warte bess de werra zereck beschd.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Ganz vorsichtig und ehrf\u00fcrchtig \u00f6ffnet der Pfarrer die neue, gro\u00dfe, h\u00f6lzerne T\u00fcr zum Kirchenschiff. Es riecht nach Holz. Vor dem Altar arbeiten zwei M\u00e4nner an dem Holzboden. Der Pfarrer r\u00e4uspert sich und fragt: &#8220; Wo es Matthias? Der hat mich rufen lassen&#8220;. &#8222;Ach, der Pfarrer h\u00f6chstpers\u00f6nlich, Seht, dass wird euer neuer Arbeitsplatz. Wie gef\u00e4llt&#8217;s euch ?&#8220; Der Pfarrer nickt zufrieden und muss unwillk\u00fcrlich grinsen. &#8222;Wo es Matthias ?&#8220;, hackt Wagner nach.  &#8222;Der wollte drau\u00dfen Holz holen.&#8220; Der Pfarrer nickt und verl\u00e4sst das Kirchlein. Vor dem gro\u00dfen Eingangstor am Kirchturm bleibt er f\u00fcr einige Sekunden regungslos stehen.  Wagner fragt sich, was dieses Kirchlein, Zeit seines Bestehens, nicht alles erleben wird. Wie viele Menschen werden dort getauft, verheiratet oder beerdigt werden. &#8222;Endlich hat es ein Ende&#8220;, raunt der Pfarrer. &#8222;Was hat ein Ende?&#8220;, raunt Matthias dem Pfarrer entgegen. &#8222;Sa mol, warum schleichst dau dich immer so h\u00e4w\u00e4chs an?&#8220;, fragt der Pfarrer. &#8222;Du herschd net gut, dat es alles&#8220;, raunt der Zimmermann. &#8222;Was gebt&#8217;s met dem Kreuz?&#8220; Eyo, mir kennde et an die Wand haue orra am Altar feschdmache.&#8220; &#8222;Mei liewa Matthias, haschd dau mol e Kerch em Nassauerland gesiehn, die et Kreuz an der Wand hat? Dat mache nur die Kathole. Nee, nee, nee, an de Altar soll dat Kruzifix on dann alles wie der Luther et gesaat hat. De Altar, die Kanzel und irgendwann die Orgel. Dodevor reicht et Geld noch net.&#8220; &#8222;Jo, jo&#8220;, flachst der Zimmermann , &#8222;do fehlt noch mehr als nur die Orgel. Gucke, dat der Graf euch bald e Glock schenkt.&#8220; Der Pfarrer ringt mit der Fassung und faucht zur\u00fcck: &#8222;Dat Kreuz an de Altar, on Ruh es.&#8220; Mit gro\u00dfen Schritten geht der Pfarrer den steilen Abhang in Richtung Ortsmitte hinunter. Als er eine Kutsche kommen h\u00f6rt bleibt er unwillk\u00fcrlich stehen. Der Pfarrer nimmt seinen Hut vom Kopf und klopft damit seinen langen Mantel aus. Wer mag das sein? Wer kann sich heutzutage eine Kutsche leisten und reist damit um diese Jahreszeit durch unser Dorf ? Sein Blick geht Richtung Klosterberg hinauf in Richtung Eppelbrunn. &#8222;Wer mag das sein?&#8220;, raunt er erneut in den Mantel. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Auf der Baustelle rund um das Kirchlein wird unruhig. Es ist fast Mittag und die Zimmerleute sind mit den letzten Arbeiten an dem neuen Kirchlein besch\u00e4ftigt. Der Pfarrer bemerkt eine gewisse Unruhe und eine gewisse Nervosit\u00e4t. Irgendjemand ruft: &#8222;Das muss er sein, er kommt.&#8220; Der Pfarrer sch\u00fcttelt den Kopf und fragt sich; &#8222;Wer kommt ?&#8220; Ein vorbeilaufender Geselle packt er im vorbeigehen am \u00c4rmel und harscht ihn an: &#8222;Wer kommt, wer gebt erwartet?&#8220; Der junge Zimmermann grinst, rei\u00dft sich los und rennt weg. Heinrich Wagner sch\u00fcttelt den Kopf und blickt der gro\u00dfen Kutsche entgegen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Als die Kutsche in H\u00f6he des Kirchleins anh\u00e4lt, bleibt die T\u00fcr verschlossen. Niemand steigt aus. Alles ist still. Der Zimmermann Meister rennt mit gro\u00dfen Schritten am Pfarrer vorbei und bewegt sich in Richtung Kutsche. &#8222;Hey, Matthias&#8220;, ruft der Pfarrer. &#8222;Wer ist das?&#8220; Der Zimmermann dreht den Kopf und grinst den Pfarrer dreckig an. Der Pfarrer blickt dem Zimmermann hinterher und hofft auf eine baldige Antwort. Als der Zimmermann an der Kutsche anklopft \u00f6ffnet sich das Fenster an einer T\u00fcr. Aus der Ferne kann der Pfarrer einen hageren Mann mit weiter Stirn erkennen. &#8222;Wer soll das ein?&#8220;, fragt sich der Pfarrer genervt. Mutig geht der Pfarrer ein paar Meter auf die Kutsche zu und h\u00f6rt wie der Zimmermann Matthias irgendwelche Anweisungen von dem schmalen Mann in der Kutsche erh\u00e4lt. Heinrich Wagner versucht zu erkennen, wer sich in der Kutsche befindet. Als er den Entschluss fasst noch n\u00e4her zu gehen und den eigenen Kontakt aufzubauen, schlie\u00dft sich das Kutschenfenster und die Kutsche f\u00e4hrt davon in Richtung Ottwilre. Der Zimmermann kommt grinsend mit gro\u00dfen Schritten auf den Pfarrer zu. &#8222;Wer war das?&#8220;, faucht der Pfarrer. Der Zimmermann h\u00e4lt kurz inne und fragt: &#8222;Was glaubst du denn, wer das war?&#8220; &#8222;Saa dau et mir Zimmermann, war et de Stengel?&#8220; Matthias zieht die Schulter hoch und muss lachen: &#8220; Kann sein&#8220; , Pfaffe, &#8222;Ich muss weirramache. Zerbrech dau dir mol noch e bisje de Kopp.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Heinrich Wagner blickt dem gro\u00dfen Zimmermann fassungslos nach und ballt seine F\u00e4uste in der Manteltasche. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rt er eine Kinderstimme: &#8222;Papa, Papa, d\u00e4rf eich jetzt en dat Kirchlein?&#8220; &#8222;Klara, die Kerch es noch e Baustell, die moss bis heut Mittach fertich seen.&#8220;  &#8222;Ach, stell deich net so an Paffe. Loss dat Kennd mol gucke geen&#8220;, raunt Matthias vom Kirchaufgang her. Der Pfarrer dreht seinen Kopf und faucht: &#8222;Wer war der Mann eben?&#8220; Der Zimmermann lacht und sagt: &#8222;Diesem Herrn haschd dau den Bau se verdanke, dat moss reiche.&#8220; &#8222;Wor et de Graf?&#8220;, schluckt der Pfarrer erstaunt. &#8222;Nee, awwa eina der em Nassauerland seinen Auftrag ausf\u00fchrt.&#8220; Der Pfarrer schluckt und fl\u00fcstert leise in sich: &#8222;Stengel.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Matthias nimmt die kleine Klara an die Hand und f\u00fchrt sich vorsichtig in das neue Kirchlein. &#8222;Guck Klennet, dat es euer nau Kerch.'&#8220; Das kleine M\u00e4dchen rei\u00dft Mund und Augen weit auf und blickt in das gro\u00dfe Kirchenschiff.  &#8222;Meinschd du dem Herrgott gef\u00e4llt sei nau Kerch?&#8220;, fragt das M\u00e4dchen. &#8222;Ganz bestimmt&#8220;, raunt der gro\u00dfe Zimmermann und streichelt dem M\u00e4dchen \u00fcber das Haar. &#8222;Klara&#8220;, ruft Heinrich Wagner seine Tochter etwas herbe an. &#8222;Hann eich dir net gesaat, dau solschd offhere die Zimmerleut&#8216; se st\u00f6re?&#8220; Dat M\u00e4dchen blickt traurig zu Boden und nickt gehorsam. Matthias nimmt ein gro\u00dfes Blatt vom h\u00f6lzernen Kirchentor und wickelt es in Windeseile zusammen. &#8222;Guck M\u00e4\u00e4re, dat well eich dir schenke. Dat soll dei Erinnerung an den Kerchbau senn. Mir brauche er nemme, dat Richtfeschd es vorbei. N\u00e4chschd Woch well dei Varra, de Parre, die nei Kerch einweihe. Geh&#8216; dabba Hemm on les&#8216; watt eich dir geschenkt hann.&#8220;  &#8222;Wat es dat? Was haschde meinem M\u00e4\u00e4re genn?&#8220; &#8222;H\u00e4schd dau die Aue offgemacht, Parre, dat Schreiwe woar die ganz Zeit do hier offgehong.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Heinrich Wagner hat genug. Es ist mittlerweile fr\u00fcher Nachmittag. Er nimmt sein M\u00e4dchen an die Hand und faucht: &#8222;Komme Klara, mir geehn.&#8220; Der gro\u00dfe Zimmermann winkt dem M\u00e4dchen mit seinen gro\u00dfen H\u00e4nden hinterher: &#8222;Leb wohl Klara, lie\u00df die Zeilen on geh emma scheen zum Gottesdienschd.&#8220; Die kleine Klara muss schmunzeln und folgt ihrem Vater in Richtung des Pfarrhauses. Nach ein paar Metern bleibt der Pfarrer nochmal stehen und blickt zur\u00fcck. Der Zimmermann steht immer noch wie angewurzelt vor der Kirche. &#8222;Bleib do Klara, eich komme gleich nommo.&#8220; Der Pfarrer geht auf den b\u00e4rtigen Zimmermann zu und reicht im die Hand. Der Meister blickt den Pfarrer v\u00f6llig verdutzt an und fragt: &#8222;Wat es jetzt?&#8220; Der Pfarrer legt seine Hand auf die Schulter des gro\u00dfen Mannes und sagt: &#8222;Du on deine Leut&#8216; hann e guud \u00c4rwend gemacht. Hab Dank. Ich woar net emma gudd zu Euch&#8220; Der Zimmermann nimmt die Hand des Pfarrers und nickt anerkennend. &#8222;Dann genn wir am Enn von der \u00c4rwend doch noch Freunde?&#8220; &#8222;Naja, ma wolle mol net iwwatreiwe&#8220; ,sagt der Pfarrer und muss unwillk\u00fcrlich lachen. Als Matthias den Pfarrer an sich ran zieht und in seine Arme nimmt m\u00fcssen beide M\u00e4nner lauthals lachen. Heinrich Wagner nickt dem Zimmermann abermals zu, nimmt seine Tochter an die Hand und geht entschlossen in Richtung Pfarrhaus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em>Es ist 16:00 Uhr als die  Kirchenvisitoren den neuen Kirchbau abnehmen. Heinrich Wagner steht still neben dem Kirchenaccessor und lauscht dem Gespr\u00e4ch zwischen Amtsleuten und Kirchenvertretern. &#8222;Als dann, \u00fcbergebe ich euch das Kirchlein zu euren H\u00e4nden, gebt acht und Gott zu Ehr&#8220; sagt der Zimmermann und blickt verschmitzt zum Pfarrer Wagner hin\u00fcber.<\/em> Der Kirchenmann nimmt den Schl\u00fcssel und \u00fcberreicht diesen dem Dirminger Pfarrer. &#8222;Wir sehen uns n\u00e4chschd Woch&#8220; zur Kirchweih'&#8220;, sagt der Kirchenaccessor. Pfarrer Wagner blickt auf seine neue Kirche und muss unwillk\u00fcrlich schlucken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Zuhause angekommen blickt Klara ihren Vater fragend an: &#8222;Darf ich dat Papier behalle, Papa?&#8220; Der Pfarrer nimmt tief Luft, nimmt seine Tochter auf den Schoss und sagt: &#8222;Lass mal sehen, was drinne steht.&#8220; Die kleine Klare lacht on sagt: &#8222;Ich hab&#8217;s schon gelesen Papa., Die Schrift hing seit April vor der Kerch, awwer du hoschd nur Aue vor die \u00c4rwend der Zimmerleut&#8216;.&#8220; &#8222;Aha&#8220;, raunt der Pfarrer: &#8222;Was sagt die Schrift? Lie\u00df vor!&#8220; Das kleine M\u00e4dchen rollt das m\u00e4chtige Papier auseinander und beginnt zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong><em>Coppia des nach des Aufschlagung der Dirminger neuen Kirchen von den Zimmerleuthen geschehenen Spruchs:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>Geehrte Gegenwart, der Bau ist aufgericht, den unsere Christen Sprach, so weit wir selbe kennen, Pflegt einen Kirchen-Bau und Gottes Hau\u00df zu nennen, Nun fordert endlich noch der Zimmerleuhte Pflicht, dass wir noch Handwerks Brauch , wann alles aufgeschlagen , sofort den letzten Spruch von dessen Gipfel sagen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>erwartet nichts, was nur nach Krausen Worten schmeckt, denn solche eitle Kunst und Wahrheitsleere Kuchen Muss man bei anderen, nicht bei Zimmerleuten suchen und hat ein geiles Ohr sich etwa aufgereckt. Blos Kurtzweil, Schnackenwerk und n\u00e4rrisch Zeug zu h\u00f6ren, das leg den Vorwitz ab und lasse sich belehren.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>Wie Kirch und Possen-Spiel sich nicht zusammenschickt. Wie Licht und Finsternio\u00df nicht beieinander glimmen. Und Christen und Belial niemal zusammen stimmen. Auch Gottes reiner Geist aus schn\u00f6den Hertzen r\u00fcckt, drum soll mein kurtzer Spruch nicht viel mit Worten spielen. Nein ! Sondern nur allein Dank und Segen zielen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong><em>Drei Einig gro\u00dfer Gott ! Unendlich h\u00f6chstes Gut ! Von dessen Seegens Bronn noch alles Gut herr\u00fchrt. Und deme Ehr und Lob und Dank und Pre\u00df geb\u00fchret. Du bists, der heute uns auch diese Gnade thut, dass wir nach M\u00fch und Flei\u00df0, nach Auf und Abw\u00e4rts gehen, nun endlich diesen Bau in seiner H\u00f6he sehen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong><em>Wir danken deiner Macht, die vor Gefahr gesch\u00fctzt, wir r\u00fchmen deine G\u00fct, die sonder Ziel und Ende durch diese ganze Zeit, die Arbeit unserer H\u00e4nde, von allen Seiten her mit Seegen unterst\u00fctzt. Wir preisen deine Gnad, die an uns arme denket. Und unseres Hertz zu diesem Bau gelenket.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>H\u00f6chster Seegens-Gott ! lass deine reiche Quell auf unseres F\u00fcrstenhaus stets ohnaufh\u00f6rlich fliessen. Dass volle Str\u00f6hme sich durch Stadt und Land ergiessen. Und selbst der bla\u00dfe Neid das wahre Urteil f\u00e4llt: Wie Gott das Nassau-Land, als weit es sich erstreckt, zu Kriege und Friedenszeit mit seiner Gnade deckt.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>Zieh auch den Seegen nicht von diesem Bau zur\u00fcck, lass uns nun balden ihn in der Vollendung sehen, dass deine Christen Schaar mit Dank und Lobe stehen. Und dich stets preisen mag vor solchen Gnadenblick. Wir \u00fcberlassen ihn zu deinen treuen H\u00e4nden. Du wirst all Ungemach von seinem Gipfel wenden.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><em><strong>Drauf schwing ich diesen Strau\u00df noch dreimal \u00fcber mir, steck ihn an seinen Platz und nehm die bunde Gaben, die andere zum Geschenk darum gewunden haben, Mit frohen H\u00e4nden ab: Und setztre nach Geb\u00fchr, den letzten Wunsch hinzu: Dass dieser Bau vor allen dem grossen Gott und auch dem F\u00fcrsten m\u00f6g gefallen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Am 27. Sonntag nach Trinitatis , am 06. November 1746 fand die Kirchweihe statt. An jenem Novembersonntag zog die ganze Gemeinde um 11:00 Uhr in die neue Kirche ein. Die Weihpredigt fundierte auf Haggai 11, V. 8-10: &#8222;Mein ist das Silber und mein ist das Gold, spricht der Herr Zebaoth, und ich will Frieden geben an dieser St\u00e4tte, spricht der Herr Zebaoth.&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"698\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/dirmingen108.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2433\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/dirmingen108.jpg 500w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/dirmingen108-215x300.jpg 215w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Diese Geschichte ist auf der Grundlage historischer Ereignisse frei erfunden, wobei es die namentlich erw\u00e4hnten Personen tats\u00e4chlich gegeben hat. Ziel ist es den Lesern und Menschen unseres Heimatortes die Geschichte Dirmingens n\u00e4her zu bringen und dem Vergessen entgegenzuwirken. So wie in dieser frei erfundenen Geschichte, k\u00f6nnte es sich am Ende tats\u00e4chlich zugetragen haben<\/strong>&nbsp;<strong>!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirmingen im 18. Jahrhundert. Im Saargebiet herrscht Frieden. Der Landesherr F\u00fcrst Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbr\u00fccken nutzt die Zeit zum Aufbau und zur Entwicklung des Landes. Mit ambitionierten und teuren Bauprojekten werden neue Residenzen und Prachtbauten erbaut. Bis heute pr\u00e4gen die damals errichteten barocken Schl\u00f6sser und Kirchen das Gesicht vieler saarl\u00e4ndischer St\u00e4dte und auch D\u00f6rfer. Mit dem Saarbr\u00fccker Schloss, der Ludwigskirche<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2441,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[1,973],"tags":[479,5,618,1090,127,376,521],"class_list":["post-15906","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-dirmingen-ein-tag-im-jahr","tag-derminga-kerb","tag-dirmingen","tag-gemeinde-eppelborn","tag-kirchweih","tag-landkreis-neunkirchen","tag-nassau-saarbruecken","tag-stengelkirche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15906"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15906\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15938,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15906\/revisions\/15938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/echta-derminga.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}