{"id":442,"date":"2018-02-15T17:54:55","date_gmt":"2018-02-15T16:54:55","guid":{"rendered":"http:\/\/echta-derminga.de\/?p=442"},"modified":"2021-02-16T15:47:56","modified_gmt":"2021-02-16T14:47:56","slug":"grubenunglueck-camphausen-erinnerungen-an-den-16-februar-1986","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=442","title":{"rendered":"Grubenungl\u00fcck Camphausen &#8211; Erinnerungen an den 16. Februar 1986"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><b>Ich arbeite in einem Dienstleistungsunternehmen. Wenn ich heute auf meiner Tour bin und durch das Saarland fahre, erblicke ich fast t\u00e4glich alte F\u00f6rdert\u00fcrme, Berghalden, Absinkweiher und ehemaligen Bergarbeitersiedlungen. Unsere D\u00f6rfer und St\u00e4dten sind noch heute gepr\u00e4gt vom Bergbau. Im Saarland befinden sich noch heute der h\u00f6chste und modernste F\u00f6rderturm der Welt. Unz\u00e4hlige Bergmannsvereine und der Saar-Knappen Chor zeugen noch heute von den Revieren an der Saar.<\/b><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Auf meiner Tour durch das s\u00fcdliche Saarland fuhr ich, im Laufe dieser Woche, an dem ehemalige Bergwerk Camphausen entlang. Die imposante Hammerkopfschachtanlage wirkt heute wie ein Mahnmal aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen. Ich hielt rechts an und blieb eine Zeit lang stehen. Hier auf dieser Anlage, dem Bergwerk Camphausen, habe ich 5 harte Arbeitsjahre verbracht. Mein Blick verharrte auf der alten m\u00e4chtigen Schachtanlage. Ich erinnerte mich an diese Zeit und an einen schicksalhaften Tag. Ich erinnerte mich an den 16. Februar 1986. Bilder ziehen vorbei und ganz langsam kehren Erinnerungen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Ein Sprichwort sagt: \u201eLehrjahre sind keine Herrenjahre\u201c. Ich kann dieses Zitat nur unterschreiben. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war die Anlage Camphausen die H\u00f6lle! \u00a0Nach meiner Ausbildungszeit in der Lehrwerkstatt Fenne, dem Ausbildungszentrum Velsen und dem Lehrrevier Duhamel (Saarschacht) wurde ich w\u00e4hrend der Lehrzeit, im Januar 1986, nach Camphausen verlegt. In Camphausen herrschten raue Sitten und schlechte Wetter. Die Luftfeuchtigkeit war enorm hoch und es herrschte \u00fcberall eine hohe Hitze. Es wurde viel Bier konsumiert. Die Tatsache, dass es sich dabei um Sch\u00e4fer-Bier handelte machte die Sache nicht besser. Es kam nicht selten vor, dass sogar \u201eUnter Tage\u201c getrunken wurde. Der Umgangston untereinander war katastrophal. Hier wurde nicht miteinander geredet, sondern vielmehr geschrien. Dennoch gab es in Camphausen eine hohe Identifikation der Bergleute mit ihrer Grube. In Camphausen herrschte ein fast famili\u00e4res Betriebsklima.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"1020\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/20201214_092628-Kopie-1-700x1020.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8944\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/20201214_092628-Kopie-1-700x1020.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/20201214_092628-Kopie-1-206x300.jpg 206w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/20201214_092628-Kopie-1-768x1119.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/20201214_092628-Kopie-1.jpg 831w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Als ich nach meiner Lehre in die Abteilung 03, \u201eUnter Tage\u201c, in den Streb verlegt wurde, erlebte ich meine schwersten Zeit. T\u00e4glich in unertr\u00e4glicher Hitze auf den Knien durch den Streb hetzen. Ich kann noch heute die Kohle riechen . Der Dreck fra\u00df sich in jede Pore deines K\u00f6rpers und der Schwei\u00df brannte in den Augen. Wenn die Schr\u00e4mmaschine gegen die Wetter fuhr sah man die Hand vor den Augen nicht mehr. Es war eine harte Lebensschule. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, diesen Job bis zur Rente zu machen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Nein. Diese Arbeit kann man nicht bis zum 68. Lebensjahr verrichten. Aus meiner Sicht war es richtig, dass Bergleute fr\u00fcher als andere Arbeitnehmer in den Ruhestand gingen. Nat\u00fcrlich gab es \u201eUnter Tage\u201c auch sch\u00f6ne Jobs und angenehme Arbeitszeiten. In Camphausen habe ich diese jedoch nicht erlebt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Unsere Heimat ist auf Kohle entstanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten rund 50.000 Menschen auf den saarl\u00e4ndischen Zechen. Meistens arbeiteten mehrere Generationen einer Familie auf der Grube. Mein Ur-Gro\u00dfvater und mein Vater arbeiteten auch \u201eUnter Tage\u201c. Am Ende war ich 18. Jahre lang Bergmann \u201eUnter Tage\u201c und es waren bestimmt auch viele sch\u00f6ne Jahre darunter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Der 16. Februar 1986 war jedoch kein sch\u00f6ner Tag. An diesem Sonntag ersch\u00fcttern zwei Explosionen den Streb 2-Nord, Fl\u00f6z 3, achte Sohle, in 1100 Metern Tiefe. Sieben Bergm\u00e4nner verloren bei dieser Schlagwetterexplosion ihr Leben. Sonntags arbeiteten in der Regel nur wenige Bergleute unter Tage. Nicht auszudenken, wie viele der 1500 auf der Anlage besch\u00e4ftigten Bergleute an einem Werktag gestorben w\u00e4ren. H\u00e4tte es mich auch erwischt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Ich war an diesem Sonntag 16.Februar 1986 Zuhause. Aus irgendwelchen Gr\u00fcnden hatte ich die Nachricht vom Ungl\u00fcck nicht mitbekommen. Mein Vater arbeitete ebenfalls auf der Grube Camphausen. Wenn wir gemeinsam Schicht hatten, fuhren wir oft gemeinsam mit einem Auto zur Arbeit. In der Regel kam es jedoch selten dazu, w\u00e4hrend mein Vater nur Fr\u00fchschicht hatte, musste ich Wechselschicht fahren. An diesem Montagmorgen fuhren wir also ungeachtet des schrecklichen Ungl\u00fccks zur Anlage Camphausen. Mittlerweile hatten wir l\u00e4ngst von dem Ungl\u00fcck erfahren und wurden dar\u00fcber informiert, dass an diesem Tag ohnehin kein Bergmann einfahren wird. Warum wir dennoch nach Camphausen fuhren kann ich mir heute nicht mehr erkl\u00e4ren. Ich wei\u00df noch, dass wir auf der Hinfahrt kaum miteinander redeten. Als wir auf dem Parkplatz der Anlage angekommen waren, stellten wir fest, dass viele Bergarbeitern zur Anlage gekommen waren. Warum eigentlich? War es Neugier? War es Solidarit\u00e4t? Wir standen fassungslos vor der Anlage. \u00dcberall waren Absperrungen und irgendjemand sagte ohne vorher gefragt worden zu sein: &#8222;Sie haben noch nicht alle Opfer gefunden&#8220;.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Bereits im Jahre 1885 starben bei einer Schlagwetter &#8211; und Kohlenstaubexplosion 180 Bergleute auf der Grube Camphausen. Die Schlagwetterexplosion vom 16. Februar 1986 bleibt mir bis heute fest in\u00a0 Erinnerung. Jeder Bergmann der Grube Camphausen kannte zumindest eines der Opfer. Als ich nun wieder vor dem alten Grubengel\u00e4nde stand, glaubte ich mich an eines der Opfer zu erinnern. Wir waren uns nicht besonders gut bekannt. Das machte die Sache jedoch nicht leichter. Das Ungl\u00fcck im Jahre 1986 war zeitgleich der erste Sargnagel f\u00fcr die Anlage Camphausen. Das Bergwerk hatte sich danach nicht mehr erholt. Am 12. November 1990 wurden die letzten Kohlen aus dem Bergwerk Camphausen gef\u00f6rdert. Irgendwie war Camphausen die &#8222;Grube der Dirminger&#8220;. Viele M\u00e4nner aus Dirmingen standen auf der Anlage Camphausen in Lohn und Brot. Das endg\u00fcltige Ende des Saar-Bergbaus wird am 23. Februar 2008 besiegelt. Zuvor kam es im westlichen Saarland zu abbaubedingten Ersch\u00fctterungen. Das ganzer gipfelt in ein Erdbeben der St\u00e4rke 4,5 auf der Richterskala und ersch\u00fcttert ganz Saarwellingen und die Nachbarorte. Die Proteste der Menschen wurden immer st\u00e4rker. Ende Juni 2012 wurde die letzte saarl\u00e4ndische Kohle aus der Anlage Nordschacht gef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Was ist vom Bergbau geblieben? Gibt es wirklich ein Erbe?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Mir pers\u00f6nlich hat der Beruf des Bergmannes auch viel Gutes gebracht. Ich habe gelernt f\u00fcr meinen Kameraden einzustehen und zu helfen, wenn es n\u00f6tig scheint. Es war eine harte aber auch gute Schule. Heute bin ich stolz auf diese Erfahrung. Im Jahre 2000 machte ich meine letzte Schichte auf der Anlage Nordschacht.\u00a0Im Laufe meiner Arbeitszeit, auf den Anlagen Camphausen und Nordschacht, habe ich viele schwere Verletzte und auch Tote erlebt. Dabei blieb mir das Ungl\u00fcck vom 16.Februar 1986 ganz besonders in Erinnerung. Erstmals wurde mir als junger Mann vor Augen gef\u00fchrt, wie schnell das Leben vorbei sein kann.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Die Erinnerung an das Grubenungl\u00fcck in Camphausen werde ich in meinem Herzen bewahren !<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Gl\u00fcck auf !<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich arbeite in einem Dienstleistungsunternehmen. Wenn ich heute auf meiner Tour bin und durch das Saarland fahre, erblicke ich fast t\u00e4glich alte F\u00f6rdert\u00fcrme, Berghalden, Absinkweiher und ehemaligen Bergarbeitersiedlungen. Unsere D\u00f6rfer und St\u00e4dten sind noch heute gepr\u00e4gt vom Bergbau. Im Saarland befinden sich noch heute der h\u00f6chste und modernste F\u00f6rderturm der Welt. 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