{"id":8163,"date":"2020-12-22T18:52:34","date_gmt":"2020-12-22T17:52:34","guid":{"rendered":"http:\/\/echta-derminga.de\/?p=8163"},"modified":"2020-12-22T18:53:08","modified_gmt":"2020-12-22T17:53:08","slug":"stille-nacht-gestern-wie-heute-weihnachten-zu-schweren-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/echta-derminga.de\/?p=8163","title":{"rendered":"Stille Nacht &#8211; Gestern wie heute &#8211; Weihnachten zu schweren Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;<strong><em>Stille Nacht, Heilige Nacht, Alles schl\u00e4ft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh! Schlaf in himmlischer Ruh!&#8220; <\/em><\/strong><\/p><cite><strong><em>(Stille Nacht &#8211; Melodie Franz Xaver Gruber, Text von Joseph Mohr -24.12.1818)<\/em><\/strong><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Als ich letztens durchs Dorf ging, sprach mich ein guter Bekannter an. Mit seinen fast 85 Jahren hat er vieles gesehen und erlebt. Mit bedeckter Stimme sagt er zu mir: \u201c\u2026, dass hier ist schlimmer als der Krieg.\u201c Ich erwiderte: \u201cMeinst du wirklich?\u201c, er antwortete: \u201eja, da konnten wir wenigstens noch frei rumlaufen und uns die Hand reichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Seine Worte machten mich nachdenklich. Ist das tats\u00e4chlich so? Angesichts der vielen Opfer, die diese Pandemie mit sich bringt, ist man leicht dazu hingerissen dem guten Mann recht zu geben. Dennoch tue ich mir schwer damit die aktuelle Situation, um die Corona-Pandemie, mit einem Kriegszustand zu vergleichen. Die Menschen in unserem Dorf hatten im zweiten Weltkrieg kaum eine Chance und nur wenige M\u00f6glichkeiten sich zu sch\u00fctzen. W\u00e4hrend der Bombenangriffe sch\u00fctzten sich die Menschen in einem Bunker, heute nutzen wir den Mund -und Nasenschutz. Welches \u00dcbel wiegt schwerer?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Weihnachten 2020: Ein Leben im Abstand und ohne soziale Kontakte. Keine Weihnachtsm\u00e4rkte, keine Gottesdienste, kein Krippenspiel und kein gemeinsames Singen. Unmittelbar vor dem Fest wird ein harter \u201eLockdown\u201c verh\u00e4ngt. Gesch\u00e4fte m\u00fcssen schlie\u00dfen und Kontakte stark eingeschr\u00e4nkt werden. Die Vereinsamung schreitet unaufhaltsam voran. \u00c4ltere Menschen d\u00fcrfen keinen Besuch erhalten und m\u00fcssen Weihnachten allein verbringen. Die Nerven liegen blank und die Stimmung ist gereizt. Jeder wartet auf das Heilmittel wobei sich nur knapp die H\u00e4lfte der Menschen impfen lassen m\u00f6chten. Die sogenannte Corona-Depression macht die Runde. Weihnachten darf nur im engsten Familienkreis gefeiert werden. Viele von uns bleiben auf der Strecke und w\u00fcnschen sich, dass dieses Fest nur schnell vorbeigehen m\u00f6chte. Kurzum, keine sch\u00f6nen Zeiten. Wie aber war das vor 80 Jahren w\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges: Ich habe mir in unseren Dorfchroniken einmal die beiden Tagebucheintragungen der katholischen Volksschullehrerin Anna Andres und dem damaligen Pastor Didas, von der katholischen Pfarrgemeinde Dirmingen angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Erinnerung von Anna Andres:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong><em>\u201eIm November des Jahres 1944 erreichte die Front die Saar. Das gro\u00dfe Elend in den St\u00e4dten und D\u00f6rfern begann. Fl\u00fcchtlinge durchliefen im Stundentakt unseren Heimatort. Tagelang zogen die Fl\u00fcchtlingskolonnen bei Regen und K\u00e4lte durch unsere Heimat. Im Winter 1944 waren viele Fl\u00fcchtlinge in unserem Dorf. Die meisten wollten in den D\u00f6rfern das Kriegsende abwarten und sich wohlm\u00f6glich verstecken. Der Angriff der Amerikaner an der unteren Saar war etwas ins Stocken geraten, und so ging es auf Weihnachten. Am heiligen Abend 1944 erlebte unser Dorf wieder zwei schwere Jabo-Angriffe, und es waren Menschenleben und gro\u00dfer Sachschaden zu beklagen. Die Bewohner verbrachten diesen Heiligen Abend meist in Bunkern und Kellern. Unter dem Eindruck der fortdauernden Angriffe auf unser Dorf machte die katholische Pfarrgemeinde am Weihnachtsmorgen in der Mette das feierliche Gel\u00f6bnis, der Mutter Gottes eine Kapelle zu erbauen und flehte Sie um Hilfe an. Das Dorf kam jedoch nicht zur Ruhe. Die Angriffe dauerten an unserem Dorf immer neue Wunden schlagend. Dirmingen war darob in der ganzen Umgebung so ber\u00fcchtigt, dass sich ein Fremder nicht gern hier aufhielt.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"461\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/22222-700x461.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8172\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/22222-700x461.jpg 700w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/22222-300x198.jpg 300w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/22222-768x506.jpg 768w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/22222.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Gottlob hat die Pandemie in unserem Dorf bisher nur wenige schwere Opfer gefordert. Am Heiligen Abend 1944 hingegen fielen allein zwei Soldaten den schweren Jabo-Angriffen zum Opfer. Ich glaube das diese beiden Katastrophen nicht zu vergleichen sind. Auch am Heiligen Abend 1944 gab, wie wahrscheinlich in diesem Jahr, keinen Schnee. Gott sei dank, denn was die Menschen in dieser Zeit mit Sicherheit nicht ben\u00f6tigten, war K\u00e4lte oder Schnee. Schon allein der Regen, der an diesem Tag auf unser Dorf fiel, machte den Menschen zu schaffen. Der Krieg ging in seine finale Phase und die deutschen Truppen waren der Luft\u00fcberlegenheit der Alliierten ausgesetzt. Die sogenannte Ardennenoffensive war gescheitert. Mein Gro\u00dfvater Artur Klein k\u00e4mpfte zu dieser Zeit an der Front. Die Sorgen um Zuhause m\u00fcssen ihn wahnsinnig gemacht haben. Das Weihnachtsfest meines Gro\u00dfvaters verlief wahrscheinlich \u00e4u\u00dferst bescheiden. Kein Tannenbaum, keine Kerzen und auch kein Geb\u00e4ck oder Lebkuchen. Das Leben an der Front oder Zuhause im Bunker war alles andere als erstrebenswert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Kriegs-Protokoll von 24.12.1944: <em>Jabo-Angriffe auf Dirmingen um 12:45 Uhr, 2. Soldaten gefallen, 4 Frauen schwer verwundet, mehrere leicht verwundet. Haus Br\u00fcck Wilhelm zerst\u00f6rt, Haus Josef Klein, schwerer Schaden, Haus Peter Schorr, Haus Jakob Schneider schwerer Schaden, zweiter Angriff auf Dirmingen um 16:00 Uhr, ein Bauernhaus schwer besch\u00e4digt, viel Glas und Dachschaden.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Erinnerung von Pastor Didas:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><em><strong>24. Dezember 1944:<\/strong> <strong>\u201eHeftiger Angriff feindlicher Jagdflieger auf Dirmingen. Am Morgen w\u00e4hrend des Hochamts \u00fcberflog ein Verband den Ort. Um die Mittagszeit erfolgte der Angriff. Durch die abgeworfenen Bomben wurde auf dem G\u00e4nseberg ein Haus v\u00f6llig zerst\u00f6rt (Br\u00fcck), das ehemalige Eisenbahnhaus so mitgenommen, dass es bauf\u00e4llig und unbewohnbar geworden ist. Hier wird ein Soldat, der bei Klein einquartiert war, t\u00f6dlich getroffen. Er war, als der Angriff erfolgte, in der Scheune beim Pferdeputzen. Um sich in Sicherheit zu bringen, sprang er hinten in der Scheune heraus, um in den Keller zu gelangen, dabei hat es ihn erwischt. Tragisch, weil beim Einsatz an der Front ihm nichts passierte. Die Familie Klein blieb heil. Zwar war ein Kind des in Russland vermissten Aloys Klein versch\u00fcttet; es wurde aber sofort von der Mutter herausgebuddelt und blieb so unversehrt. Auf dem G\u00e4nsberg kam ein Soldat zu Tode, der bei seinen Eltern auf Urlaub war.- Der Nachmittags-Gottesdienst f\u00e4llt aus. Am Nachmittag folgt der 2. Angriff auf unser Dorf.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong><em>25. Dezember 1944: Weihnachten: Halb 6 Uhr Mette. Kann ungest\u00f6rt gehalten werden. Viertel nach sieben 2. Hl Messe, halb neun: Hochamt. In der Mette habe ich gepredigt. In den anderen Messen wagte ich es nicht. Um die Mittagszeit fliegt ein starker Bomberverband durch. Vesper f\u00e4llt aus. Um 4 Uhr habe ich die Beichte angesetzt, aber erst als es dunkel wird, wagen einige Leute zu kommen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong><em>25. Dezember 1944: Keine besonderen Vorkommnisse.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"623\" height=\"403\" src=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6112\" srcset=\"https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/1-1.jpg 623w, https:\/\/echta-derminga.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/1-1-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\">Weihnachten 2020: Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnet die Corona-Pandemie als \u201e\u2026die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg.\u201c Ist das angebracht oder \u00fcbertrieben? Immerhin d\u00fcrfen wir das diesj\u00e4hrige Weihnachtsfest mit allem vorhandenen Komfort in unserer sch\u00f6nen warmen Wohnung genie\u00dfen. W\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges verbrachten die Menschen das Weihnachtsfest in ihren Bunkern. In Folge der Pandemie mussten Gastst\u00e4tten, Gesch\u00e4fte und Fachbetriebe schlie\u00dfen. Viele Gewerbe drohen diese Pandemie nicht zu \u00fcberleben. Anstatt dem eigenen Gewerbetreibenden unter die Arme zu greifen lassen wir uns zu Hamstereink\u00e4ufen hinrei\u00dfen und bestellen sogar unser t\u00e4gliches Brot online im Netz. Die Gewinner dieser Pandemie sind die gro\u00dfen Konzerne. Fakt ist: Die Menschen lebten damals und auch heute in Todesnagst. War es im zweiten Weltkrieg noch die Furcht vor herabfallenden Bomben, so ist es heute die Angst vor dem stillen, unsichtbaren Killer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:18px\"><strong>Nach einigen \u00dcberlegungen bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass man die derzeitige Pandemie nicht mit dem Krieg vergleichen kann. Jeder Vergleich hinkt und wird der Sache nicht gerecht. Nein, es sind bestimmt keine leichten Zeiten, die wir alle derzeit erleben. Dennoch befinden wir uns definitiv nicht im Krieg. Vielleicht sollten wir die Pandemie als Chance erkennen. Jedes Ende birgt ein Neunanfang. Am Ende k\u00f6nnen wir sogar gest\u00e4rkt aus dieser Katastrophe hervorgehen. Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an den Menschen nehmen, die im zweiten Weltkrieg in unserem Dorf lebten. Das Miteinander und die Solidarit\u00e4t wurden gerade zu Kriegszeiten gro\u00dfgeschrieben. Man teilte sein Brot und seinen letzten Pfennig. Der Krieg bewirkte, dass die Menschen sich wieder gegenseitig aufrichteten. Wenn diese Pandemie am Ende zu etwas gut gewesen sein sollte, dann genau daf\u00fcr!&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Stille Nacht, Heilige Nacht, Alles schl\u00e4ft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh! 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