Zwischenbilanz der Generation X – Das Leben der Nachkriegsenkel und Kassettenkindern in Zeiten der Wende, dem kalten Krieg und Tschernobyl

Die Generation X wird heute als vergessene Generation bezeichnet. Geboren zwischen 1965 und 1975, aufgewachsen im Schatten der geburtenstarken Babyboomer und lange bevor das Internet unser Leben veränderte. Wir waren die Kinder der 1970er und die Jugendlichen der 1980er Jahre. Wir waren die Generation dazwischen. Nicht laut genug, um ständig gesehen zu werden, aber stark genug, um vieles allein zu tragen. Die Generation X war rebellisch und stand dem Aufbruch und der Rebellion immer offen entgegen. Die Generation X bestand größtenteils aus Schlüsselkindern. Wenn die Schule vorbei war, musste die Wohnungstür selbst geöffnet werden. Der Schlüssel lag meistens unter der Fußmatte oder steckte in der Jackentasche. Viele Kinder waren gezwungen sich selbst etwas zu Essen zu machen und ihre Hausaufgaben ohne Unterstützung zu bewältigen. Nicht, weil sich niemand um die Kinder der Generation X kümmerte, sondern weil der Alltag und das Familienleben früher anders funktionierten. Die Kinder lernten früh, selbstständig zu sein. Die Kinder der Generation X wussten, wie man sich beschäftigt, ohne ständig unterhalten zu werden.

So war das bei der Generation X. Bei mir persönlich lief das jedoch anders. Ich war kein Schlüsselkind. Meine Oma und meine Mutter waren immer Zuhause. Gott sei Dank blieb mir das Dasein eines Schlüsselkindes erspart. Unsere Kindheit verlief jedoch komplett analog. Wir hatten kein Internet, keine Smartphones und keine sozialen Medien. Niemand wusste jederzeit, wo wir waren. Wenn wir Freunde treffen wollten, klingelten wir an der Haustür oder verabredeten uns am Vorabend. Wir schrieben Zettel, führten Telefonate mit einem Telefon, das noch fest an der Wand stand, und warteten geduldig darauf, dass jemand zurückrief.

Wir waren Kassettenkinder. Habt ihr schon einmal eine Musikkassette aus dem Bandsalat befreit? Vorsichtig, mit einem Bleistift oder Kugelschreiber, wurde das Band wieder aufgerollt. Jeder Millimeter musste stimmen, damit die Lieblingsmusik nicht verloren war. Wir saßen mit dem Finger auf der Aufnahmetaste und warteten im Radio auf unseren Lieblingssong. Bloß nicht zu früh drücken. Bloß nicht die Stimme des Moderators mit aufnehmen. Und wenn das Lied endlich kam, war jeder Ton kostbar. Als sogenanntes „Kassettenkind“ konnte man jedes Lied auswendig mitsingen. Die 80-ger Jahre haben bis heute einen festen Platz in meinem Herzen. Das war meine Zeit: Zauberwürfel, Kassettenrecorder, NENA -Poster an der Wand, ZDF – Hitparade und Wetten, dass ..?  am Samstagabend, erstes „Schäfer-Bier“, Walkman auf dem Kopf und die erste Liebe im Herzen. Jede Kassette erzählte eine Geschichte. Die erste Seite für gute Laune, die zweite für Herzschmerz. Manche Kassetten wurden so oft überspult, bis das Band fast durchsichtig war. Und wenn die Kassette irgendwann leierte, wussten wir trotzdem noch genau, an welcher Stelle unser Lieblingslied begann.

Wir sammelten Schallplatten. Jede Woche fuhr ich mit dem Zug in den nächsten Plattenladen. Wir wussten, wie vorsichtig man eine Nadel aufsetzen musste. Wir pusteten Staub von der Platte, hörten das leise Knacken und wussten: Jetzt beginnt etwas Besonderes. Musik war kein Hintergrundgeräusch, das jederzeit verfügbar war. Wir mussten sie auswählen, kaufen, aufnehmen oder mit jemandem teilen. Vielleicht hat sich das Vinyl gerade deshalb so tief in unsere Erinnerung eingebrannt und erlebt heutzutage wieder eine Renaissance. Wir hatten Plattenschränke, Kassettenboxen und Lieder, die uns durch ganze Lebensabschnitte begleiteten. Ich persönliche verfüge noch heute über einen Teil meiner ersten Plattensammlung.

Wir waren Kinder der 80er. Eine Zeit voller Gegensätze. Bunte Farben, große Frisuren, Punks und Popper, Schulterpolster und Neon. Gleichzeitig aber auch eine Zeit, in der die Angst vor der Zukunft ständig spürbar war. Die atomare Aufrüstung und der Kalte Krieg gehörten zu unserer Wirklichkeit. Wir wussten, dass die Welt jederzeit aus den Fugen geraten könnte. Die Vorstellung einer möglichen Zerstörung war keine Filmszene, sondern etwas, das Erwachsene ernsthaft beschäftigte und das auch wir Kinder spürten.

Die achtziger Jahre waren gezeichnet von politischer Bewegung. Die Saarländerin Nicole gewann 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ den ESC und Tennislegende Steffi Graf begeisterte die Sport- und Männerwelt. Die Musik dieses Zeitalters hat bis heute einen hohen Stellenwert. Ich behaupte: Die Musik von heute wurde in den 80er Jahren geprägt. Echte handgemachte Rockmusik, mit echten Instrumenten und Sängerinnen und Sängern ganz ohne KI gesteuerte Töne. Die 80-ger waren schrill und vielfältig. Punks und Popper stritten über den besten Stil und in den Kinos lief „Footloose“, „La Boum“ oder „Flaschdance“. Im Fernsehen hingegen liefen mit „Dallas“ und „Denver-Clan“ die ersten „Daily Soaps“ wobei der Tatort mit Horst Schimanski seinen ersten Kult-Kommissar bekam. Im Radio liefen die Ohrwürmer in Dauerschleife Von „99 Luftballons“ bis „Forever Young“ über „Thriller“ bis hin „Material Girl“. Ich habe mich mein Leben lang nach den besten weißen Turnschuhen der Welt, die ADIDAS -Allround, gesehnt. Bekommen habe ich sie leider nie.

Dann kam Tschernobyl. Plötzlich war etwas Unsichtbares in der Luft. Es wurde darüber gesprochen, ob man draußen spielen durfte, ob Regen gefährlich war und ob bestimmte Lebensmittel gegessen werden konnten. Wir verstanden vielleicht nicht jedes Detail, aber wir spürten die Unsicherheit. Die Welt war nicht so sicher, wie wir sie als Kinder gern geglaubt hätten.

Wir erlebten die Wende. Wir sahen, wie Grenzen sich öffneten, wie Mauern fielen und wie sich ein ganzes Land veränderte. Für viele war es ein Moment der Hoffnung, für andere auch ein Moment der Verunsicherung. Wir waren alt genug, um zu begreifen, dass Geschichte nicht nur in Büchern geschieht. Wir erlebten sie selbst. Für mich persönlich der Sturz der Mauer ein absoluter Glücksfall. Die Diskussion um Wessis und Ossis habe ich nie verstanden. Aus meiner Sicht wuchs am 09. November 1989 zusammen, was zusammengehört. Die endlosen Diskussionen über den besseren Lebensstandard hängen mir zum Hals raus. Ich persönlich war oft genug in den „neuen Bundesländern“ und konnte mich davon überzeugen, dass deren Städte und Straßen besser sind als bei uns im Saarland. Die Wiedervereinigung ist auch nach so vielen Jahren längst nicht abgeschlossen. Der Osten hängt in vielerlei Hinsicht noch hinterher. Die Löhne und Renten sind geringer als im Westen und die Anzahl der Menschen, die von Sozialhilfe leben ist weitaus höher als bei uns. Es gibt also noch einiges zu tun.

Die 1980er waren meine Zeit. Erinnerungen an das erste „Schäfer Bier“, die Küche meiner Oma Erna, meine Stammkneipe „Alte Post“ und mit der ersten liebe in „Charly’s Disco“. Während im Jahre 1989 Geschichte geschrieben wurde, drehte sich die Welt im beschaulichen Dirmingen weiter. Unser Dorf hatte gegen Ende der 1980-ger Jahre das alte Gemeindehaus, die alte evangelische Schule, die „Alte Mühle“ und das alte Doktorhaus durch Abbrucharbeiten verloren. Binnen weniger Jahre veränderte sich das Ortsbild unseres Dorfes. Die Welt war im Wandel, dass spürte man auch in meinem Heimatdorf Dirmingen. Im Herbst 1989 war der verstärkte Ausreisestrom aus der ehemaligen DDR bis nach Dirmingen spürbar. Immer mehr Menschen flüchteten über Ungarn nach Deutschland. Ohne Gewalt, mit viel Beharrlichkeit, setzte sich die sogenannte „Macht der Straße“ Stück für Stück durch. Wir saßen damals ganz oft zusammen am Stammtisch und fragten uns wie das wohl enden wird und wie lange die DDR -Führung noch stillhält. Keiner konnte sich vorstellen, dass diese Vorkommnisse zum Fall der Mauer führen würden. Damals gab es auch kritische Stimmen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machten. Die Frage: Wer das alles bezahlen sollte, stellte sich schon damals. An solchen Diskussionen habe ich mich niemals beteiligt. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, dass die Menschen sich nach Freiheit sehnten. Ich habe mich schon damals von jeder Art der Fremdenfeindlichkeit distanziert. Zur Wahrheit gehört jedoch sehr wohl, dass es auch in unserer Region nicht nur Beifall für die friedlichen Demonstrationen im Osten gab.

Die Generation X sammelte im Gegensatz zu dem „Babyboomern“ und Nachkriegskindern wieder den Mut zur politischen Meinungsäußerung. Die „Grünen“ standen plötzlich zur Wahl und die stillen Konflikte zwischen Nachkriegskindern und Nachkriegsenkel wurden deutlich spürbar. Die Frustration der Generation x endete in Sex, Drugs und Rock‘n Roll. Die Zeiten wurden schriller, lauter und spezieller. „No Future“: ein Leben zwischen „Hosen“, „Onkelz“, Maffay, Grönemeyer und Ärzten. Aber auch zwischen Roland Kaiser, Udo Jürgens und dem ganzen Schlagerkarussel. Im Dorf waren wir irgendwo zwischen Punk und Pop. Zur absoluten Extreme fehlte oft der letzte Mut. Die 80er Jahren waren eine Zeit voller Sehnsüchte und Träume: Kaugummi-Automaten, Berg-und Talbahn oder Autoscooter fahren, erster Kuss, erste Liebe, erste Enttäuschung. Geblieben sind die Lieder und die damit verbundenen Erinnerungen.

Wir sind die Nachkriegsenkel. Unsere Eltern waren geprägt von Entbehrungen, Aufbau und der festen Überzeugung, dass man im Leben durchhalten muss. Vieles wurde nicht erklärt, sondern vorgelebt. Sparsamkeit. Pünktlichkeit. Ordnung. Pflichtbewusstsein. Zuverlässigkeit. Die Generation X hatte zu gehorchen. Man reparierte, was kaputt war. Man warf nicht alles sofort weg. Man half den Nachbarn. Man hielt sein Wort. Wenn man etwas zugesagt hatte, dann galt das. Pragmatismus war keine Mode, sondern eine Überlebenshaltung. Man machte weiter, auch wenn es schwierig wurde. Steh‘ auf, wisch dir den Mund ab, putz die die Nase, hör auf zu heulen und mach weiter. Gefühle waren ein Zeichen der Schwäche und durften niemals öffentlich gezeigt werden. Bei Jungs ging das schonmal überhaupt nicht: „Boys dont cry“

In der Schule und zu Hause herrschten Regeln, die heute kaum noch vorstellbar sind. Eine Ohrfeige galt damals noch als Erziehungsmittel. Das machte sie nicht richtig, aber es gehörte zu einer Zeit, in der Erwachsene ihre Überforderung und ihre Strenge oft anders auslebten. Wir lernten, uns anzupassen, leise zu sein und durchzuhalten. Wir lernten aber auch, dass sich Zeiten verändern müssen. Unsere Jugend war nicht immer einfach. Aber sie war echt. Wir standen stundenlang draußen, fuhren Fahrrad, spielten Fußball auf der Straße und kamen nach Hause, wenn es dunkel wurde. Wir hatten aufgeschlagene Knie, nasse Schuhe und Geschichten, die niemand fotografiert hat. Ich habe tausend Bilder von diesen Zeiten in meinem Kopf. Wir spielten noch auf Brasche Fußball und mussten noch mit einem Lederball kicken. Bei Regen wurde dieser Ball tonnenschwer.

Wir bauten unsere eigene Welt. Mit Freunden, mit Musik, mit Büchern, mit Spielen und mit Gesprächen, die bis spät in den Abend gingen. Wir wussten, wie man wartet. Auf einen Brief. Auf einen Anruf. Auf eine neue Folge im Fernsehen. Auf ein Lied im Radio. Geduld habe ich trotz dieser intensiven Zeit dennoch nicht gelernt.  Generation X bedeutet nicht, dass früher alles besser war. Unsere Zeit hatte ihre Schatten, ihre Ängste und ihre Fehler. Aber sie hat uns geprägt. Sie hat uns gelehrt, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn niemand zusah. Sie hat uns gezeigt, dass man nicht alles besitzen muss, um glücklich zu sein. Und sie hat uns eine Form von Freiheit geschenkt, die heute verloren scheint.

Generation X.  Wir sind die Schlüsselkinder. Die Kassettenkinder. Die Nachkriegsenkel. Die Kinder der 80er. Die Generation zwischen gestern und morgen. Kassettenkinder wissen noch, wie sich ein Mixtape angefühlt hat, dass man ganz persönlich zusammengestellt hat. Wir kennen das Geräusch einer Schallplatte, das Klicken des Kassettenrekorders und das Warten auf den richtigen Moment. Wir haben gelernt, ohne Navi ans Ziel zu kommen, ohne Helm Fahrrad zu fahren und ohne im Internet nach Antworten zu suchen und ohne Smartphone den Kontakt zu halten. Leider habe ich diese Gabe im Laufe der Jahre verdrängt und verloren. Heute lebe ich sehr gerne mit meinem Smartphone.

Im Juni dieses Jahres ist meine Mutter verstorben. Meine Eltern gehören zu den Nachkriegskindern. Jede Zeit hat ihre Geiseln und jede Zeit hat ihre wunderbaren Momente. Flower-Power, die Beatles, die Rolling Stones und der gute alte Rock’n Roll entstanden zu dieser Zeit. Seltsam, erst kurz vor ihrem Tod nannte ich meine Mutter wieder „Mama“. Die Jahre rief ich Sie immer nur Mutter. Meine Mutter war eine sehr herzliche Person die ihren Lebensmittelpunkt in ihren Kindern und später in ihren Enkel- und Ur-Enkelkinder fand. Meine Mutter starb viel zu früh. Manchmal frage ich mich, wie Sie ihre Jugendzeit durchlebte. Im Grunde weiß ich viel zu wenig von ihr. Mit ihrem Tod wurde mir ein Stückweit mehr vor Augen geführt, dass wir die Generation X irgendwann die Nächsten sein werden. Wir hoffen, dass dauert noch ein wenig. Wer weiß, wohin der Wund uns treibt.

Wenn ich heute irgendwo eine alte Kassette leise rauschen höre, eine alte Schallplatte knistert oder ein Lied aus den 80ern erklingt, dann ist plötzlich alles wieder da: der Geruch der Kindheit, von Biermaische, Missthaufen, die Stimmen von früher, die Straßen unserer Jugend, mein Dorf, der Wald meiner Kindheit, die Gesichter, die wir nie vergessen haben und dieses besondere Gefühl, das nur wir kennen. Das Gefühl, aus einer Zeit zu kommen, die es so nicht mehr gibt.

Zwischenbilanz. Die Generation X befindet sich nun im fortgeschrittenen Alter. Mein Jahrgang befindet sich inmitten in der 50ger Jahre und blickt gespannt ihren 60gern entgegen. Was kommt noch? Bleiben wir gesund? Die Hälfte des Lebens dürfte vorbei sein und die ersten Gedanken an das Sterben werden spürbar. Die Einschläge kommen näher.  Die Haare sind nicht mehr so voll und das Hüftgold wird zusehends fülliger. Auch unsere Mädels haben mit den Zeichen der Zeit zu kämpfen, wobei sie noch weitaus besser davonkommen als wir Jungs. Wir kommen nun in ein Alter in den verschiedenen Körperstellen schon mal wehtun können.  Mitten im Spätsommer des Lebens sollte man eine Zwischenbilanz ziehen. Dafür ist in erster Linie jeder selbst verantwortlich. Es ist immer das, was man daraus macht. Ans Ende sollten wir jedoch noch lange nicht denken. Es liegt noch vieles vor der Generation X. Meine persönliche Zwischenbilanz als Mitglied der Generation X lautet: Hurra, wir leben noch, soweit so gut, durchatmen, Aufstehen, Knochen richten und weitermachen. Genauso wie wir es als Kassettenkinder gelernt haben: Aufgeben ist keine Option. Machen wir unser persönliches Ding daraus. Es liegt noch ein langer Weg vor uns Spätsommerkindern der Generation X

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