Schon wieder ist ein Jahr zu Ende. Die Zeit scheint rasend schnell zu vergehen. Man wird das Gefühl nicht los, dass mit zunehmendem Alter die Zeit schneller vergeht. Natürlich ist das „Hinter-uns-lassen“ des alten Jahres und das Eintreten in ein neues Jahr für uns alle eine emotionale Angelegenheit. Das Alte ist unwiderruflich beendet und das Neue steht an. Unsere Emotionen beschäftigen uns und machen uns empfänglich für Schmerz, Trauer oder Verlust. Besonders die Menschen die einen Partner, einen Freund, ein Haustier oder vielleicht ihre Heimat loslassen mussten, durchleben den Schmerz und die Trauer nochmals sehr intensiv. Gerade zum Jahreswechsel spüren wir die Endgültigkeit des Seins.

Der Jahreswechsel erinnert uns daran, dass uns vieles hier auf der Erde nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht. Grundsätzlich spielt das Glück zum Jahreswechsel eine gewichtige Rolle. Wir verschenken Glücksbringer in Form von Schornsteinfeger, Schweinchen, Kleeblätter und Hufeisen an Freunde und Familie. Wir wünschen uns Gesundheit und Erfolg wobei jeder für seine eigenen Vorsätze die Verantwortung trägt. Wir wollen Abnehmen, Sparen, besser Leben und gesünder Kochen. Spätestens an Ostern haben wir unsere Vorsätze wieder vergessen.  Das Neujahr mit seinem aufbrechenden Morgen bietet die optimale Möglichkeit eines Neuanfangs.

Dabei kann man jederzeit neu anfangen! Was hindert uns daran von heute auf Morgen Dinge zu ändern die wir nicht mehr möchten? Wir haben die Freiheit unser Leben zu ändern wann immer wir möchten. Oftmals fehlt uns nur der Mut oder die Beharrlichkeit.  Der Neujahrstag sorgt bei jedem einzelnen für eine Art Aufbruchstimmung. Das alte ist vergessen und das neue bricht an. Was haben wir im Jahr 2019 so alles erlebt. Für die einen mag es ein gutes und für die anderen wiederum ein schlimmes Jahr gewesen zu sein. Ich denke an den Verlust guter Menschen und Weggefährten, an Krankheit und Ohnmacht und an die Geiseln unserer Zeit. Die Menschlichkeit geht immer mehr verloren und das Internet schlägt seinen Takt dazu.

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner diesjährigen Weihnachtsansprache die Menschen aufgefordert mehr Verantwortung zu übernehmen. Steinmeier sagte wörtlich: “Wir brauchen die Demokratie – aber ich glaube: Derzeit braucht die Demokratie vor allem uns”. Wir alle sollten uns für das neue Jahr vornehmen mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir alle sind für unser Leben und unsere Heimat mitverantwortlich. Anpacken ist angesagt. Wir müssen genau hinsehen und den Finger in die Wunde drücken.

Nun beginnt eine neue Dekade ein neues Jahrzehnt. Der Ton ist rauer geworden und hetze im Netz nimmt täglich zu. Mittlerweile wird sogar behauptet, dass in den sozialen Medien ganze Wahlen gewonnen werden. Fakt ist, nach über 80 Jahren gibt es in unserem Land wieder eine ungeahnt starke rechte Politik. Angst und Unsicherheit breiten sich aus. Jeder einzelne von uns ist nun gefragt denn „Es gibt nix gutes, außer man tut es“ (Erich Kästner). Wir müssen endlich unsere Stimme erheben und klare Zeichen setzen.

Was wir brauchen ist Zuversicht und Mut! Eine Zuversicht wie sie zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer hatte. Dietrich Bonhoeffer war ein evangelisch-lutherischer Theologe, der sich mit der Bekennenden Kirche am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligte. Die Bekennende Kirche war eine Oppositionsbewegung von evangelischer Christen gegen die Versuche der Nazis die Kirche für ihre Zwecke zu benutzen. Die von den Nazis organisierten Deutschen Christen bildeten staatlich eingesetzte Kirchenausschüsse und teilweise direkte Staatskommissare, die kritische Kirchenvertreter absetzten. Alles weit weg? Nein, auch in Dirmingen gab es Kirchenvertreter, die sich mit der Bekennenden Kirche gegen eine nationalsozialistische Politik stemmten. Kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis schreib der inhaftierte evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer folgenden Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer

Meine liebste Maria

Ich bin so froh, dass ich Dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und Euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unsern Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: <zweie die mich decken, zweie, die mich wecken>, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich und unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Ich bin jeden Tag froh, dass ich Dich, Euch habe und das macht mich glücklich froh. –

Das Äußere ist hier kaum als in Tegel, der Tageslauf derselbe, das Mittagessen wesentlich besser, Frühstück und Abendbrot etwas knapper. Ich danke Euch für alles, was Ihr mir gebracht habt. Die Behandlung ist gut und korrekt. Es ist gut geheizt. Nur die Bewegung fehlt mir, so schaffe ich sie mir bei offenem Fenster in der Zelle mit Turnen und Gehen. Einige Bitten: ich würde gern von Wilhelm Raabe: <Abu Telfan> oder <Schüdderump> lesen. Könnt Ihr meine Unterhosen so konstruieren, dass sie nicht rutschen? Man hat hier keine Hosenträger. Ich bin froh, dass ich rauchen darf! Dass Ihr alles für mich denkt und tut, was Ihr könnt, dafür danke ich Euch; das zu wissen ist für mich das Wichtigste. –

Es sind nun fast 2 Jahre, dass wir aufeinander warten, liebste Maria. Werde nicht mutlos! Ich bin froh, dass Du bei den Eltern bist. Grüße Deine Mutter und das ganze Haus sehr von mir. Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister:

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Sei mit Eltern und Geschwistern in großer Liebe und Dankbarkeit gegrüßt. Es umarmt Dich

Dein Dietrich
(Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945, deutscher lutherischer Theologe, verfasst: 19. Dez. 1944)

Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet. Für Bonhoeffer kam das Kriegsende einen Monat zu spät. Heute gilt Bonhoeffer als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Widerstands in der NS-Zeit. Sein 1944 in der Haft geschriebenes Gedicht “Von guten Mächten wunderbar geborgen” ist fester Bestandteil unseres Gesangbuchs.

Ich wünsche Euch und euren Familien und Freunden ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr 2020. Uns allen wünsche ich ein gutes neues Jahrzehnt, in dem das Gute wieder die Oberhand gewinnt. Ich wünsche Euch die Kraft aufzustehen, anzupacken und es besser zu machen. Ich wünsche Euch allen, dass ihr „von guten Mächten wunderbar geborgen“ seid.

Bleibt Gesund und heimattreu denn „Dehemm is Dehemm“

Porschd Neijoahr

Ein „ECHTA DERMINGA“

Auf dem neuen Weg von “guten Mächten wunderbar geborgen”

Vielen Herzlichen Dank dafür, dass ihr im Jahr 2019 so zahlreich meinen Blog besucht und meine “Schnessschwaderei” gelesen habt.

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