“Glück Auf Derminge” – Vom einheimischen Bergbau und einem kulturellen Schatz

Dirmingen liegt mitten im Herzen des Saarlandes und ist auf Kohle und Stahl geboren. Bereits seit dem 15. Jahrhundert wurde Steinkohle im Saargebiet abgebaut. Der Stollenabbau war über viele Jahrhunderte die einzige Möglichkeit das „Schwarze Gold“ zu fördern. Erst im 19. Jahrhundert wurden die ersten Schachtanlagen erschlossen und der Bergmann verrichtete „Unter Tage“ seine Arbeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts öffneten immer mehr Gruben im Saargebiet. Dabei waren es nicht nur Bergwerke die Steinkohle förderten. In unserem Heimatort Dirmingen wurde Kalk abgebaut. Ein Kalkflöz in mittlerer Stärke verlief von Urexweiler bis hin nach Dirmingen. Die Kalkgewinnung in unserem Gebiet war um das Jahre 1770 von großer Bedeutung. Der gewonnene Kalk wurde zum Hausbau verwendet oder zur Schädlingsbekämpfung an Obstbäumen gebraucht. Zudem nutzten die Bauern den gewonnenen Kalk zum Düngen ihrer Felder. In Dirmingen wurde der Kalkabbau am Belker betrieben. Die Kalkgewinnung erfolgte über einen Stollenabbau der an mehreren Stellen in den Berg getrieben wurden. Das Hangende wurde mit Holzstempeln abgesichert. Anschließend wurde der Kalkstein, das „Weiße Gold“, in Kalköfen gebrannt und verarbeitet. Irgendwann wurde die Kalkgewinnung unrentabel. Die Erfindung des Zements sorgte dafür, dass Kalk aus der Mode geriet. Das durch Dirmingen laufende Kalkflöz war ohnehin nicht besonders mächtig. Das Abbauverfahren war mühselig und nicht ungefährlich. Bekanntlich verloren einige Bergleute bei dieser gefährlichen Arbeit sogar ihr Leben. Herabfallende Berge und einstürzende Stollen waren meistens die Ursache. Auch heute noch gibt es in Dirmingen alte Bauernhäuser -und Wohnhäuser die mit Dirminger Kalkmörtel gemauert und verputzt wurden. Im zweiten Weltkrieg dienten die verlassenen Stollen als Schutzbunker.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir früher als Kind an den Stolleneingängen gespielt hatten. Damals waren die Stolleneingänge durch mächtige Holztore versperrt. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Die Natur hat sich Stück für Stück das Gebiet zurückerobert. In Dirmingen erinnert noch heute der Straßenname „Am Kalkstollen“ und der „Berittbegriff“ und Familienname „Kalkstollersch“ an die Kalkgewinnung in Dirmingen.

Bereits im Jahre 1723 wurde in Düppenweiler ein Kupferbergwerk erschlossen. Zu den ältesten Steinkohlebergwerken unseres Landes gehört der „Tiefer Stollen“ und der Thomasstollen in Quierschied die im Jahre 1779 und 1821 erschlossen wurden. Im Hermesstollen in Merchweiler begannen im Jahre 1822 die ersten Abbauarbeiten. Ab dem Jahre 1850 entwickelte der saarländische Bergbau, zu Zeiten der Industrialisierung, eine tragende Rolle. In der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts entstanden die großen traditionsreichen Bergwerke an der Saar wie. Es wurden die Gruben Heinitz, König, Reden, Camphausen, Kohlwald und natürlich Maybach erschlossen. In meiner „Muttergrube“ Camphausen gab es im Jahre 1885 sogar einen „Ernaschacht“ (später Ostschacht). Vielleicht war dieser Schacht letztendlich der Namensgeber meiner Oma. Nein, Spaß beiseite. Viele Schächte und Gruben bekamen zu dieser Zeit Namen verpasst. In unserer Nähe wurde aus der Grube Göttelborn, im Jahre 1887, erstmals Kohle gefördert. Die Grube Luisenthal wurde im Jahre 1899 erschlossen. Die Anlagen Duhamel (1913) und Warndt entstand relativ spät. Der Nordschacht des Bergwerks Saar war im Jahre 1981 eine der letzten Gruben, die erschlossen wurden. Zeitgleich war es auch die letzte die geschlossen wurde.

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts waren die Arbeitsbedingungen unter Tage miserabel und höchst anstrengend. Die Bergleute mussten oftmals, bei schwerer körperlicher Arbeit bis zu 14 Stunden malochen. Hinzu kamen eine unerträgliche Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit und eine enorme Staubentwicklung. Es entstand der erste organisierte Wiederstand der Bergleute gegen die Grubengesellschaften. Massenentlassungen waren die Antwort der Unternehmer. Der Bergleute gaben nie auf und setzten sich zur Wehr. Es entstanden die ersten Bergmannsbruderschaften, Bergmannsvereine und Knappenvereine. Meistens hatten diese Vereine einen engen Bezug zur Kirche. Die Menschen identifizierten sich mit dem Bergbau und schlossen über ihren Glauben eine enge Verbindung zu diesem Berufsstand. Die ersten historischen Bergmannsgebete stammen aus dem frühen 19.Jahrhundert.Wohl kaum ein anderer Beruf sucht mehr Nähe zu seiner Schutzpatronin wie der Bergmann zu seiner St. Barbara. Die Gründung der ersten St. Barbara-Bruderschaft entstanden ebenfalls im 19. Jahrhundert.

Erst zum Ende des 19.Jahrhunderts verbesserten sich die Arbeitsbedingung „Unter Tage“. Der Saarländer Nikolaus Warken (genannt Eckstein) aus Hasborn legte den Grundstein für eine bessere Zukunft. Der Rechtsschutzsaal in Bildstock ist ein ehemaliges. Das Gebäude entstand etwa im Jahre 1892 als Versammlungsstätte des neugegründeten „Rechtsschutzvereins für die bergmännische Bevölkerung des Oberbergamtsbezirks Bonn“. Dieser Verein war praktisch die erste gewerkschaftliche Organisation der Bergarbeiter im Saarrevier. Der Rechtsschutzsaal gilt als ältestes deutsches Gewerkschaftsgebäude. Das Gebäude kann man noch heute besichtigen.  Nikolaus Warken war ein Vorkämpfer und Vordenker für soziale Gerechtigkeit. Unter seiner Führung wurden die Schichtdauer begrenzt und das Gedinge verbessert. Auch der Willkür der Steiger ging es an den Kragen.

Die Bergleute mussten früher viele Kilometer auf sich nehmen und stundenlang Zufuß zur Arbeit wandern. Zu dieser Zeit entstand der Begriff der „Hartfüßler“. Um den Bergleuten die täglichen Strapazen zu ersparen wurden in vielen Ortschaften Schlafhäuser erbaut. Ganz langsam entstanden so die ersten Bergmannssiedlungen. Die Entwicklung schritt immer weiter voran und die Grubengesellschaften erkannten, dass sie mit der Unterstützung der Bergleute mehr erreichen konnten. Durch Geldleihe und geringe Zinsen gelangen die Bergleute mit Hilfe der Unternehmer schneller zum Eigenheim. Auch in Dirmingen entstanden die typischen Bergmannshäuser, die in ihrer Struktur noch heute gut erkennbar sind. Dirmingen, dass neben Kohle und Stahl auch durch seine Landwirtschaft bekannt wurde, verfügte über zahlreiche Bergmannshäuser und Südwestdeutsche Bauernhäuser. Der Begriff des Bergmannsbauern entstand. Die Bergleute gingen nach der Schicht aufs Feld oder in ihren kleinen Garten.

Nach der Gründung des Rechtsschutzvereines entstanden im Saarland die ersten Gewerkschaften. Die Erfolge der heutigen Gewerkschaften basieren auf der Gründung und der damit verbundenen Errungenschaften des Rechtsschutzvereins der Bergleute. Zu den damaligen Erfolgen gehörte die Gründung einer Unfall -oder Krankenkassen, eine Passionskasse, die Gründung der Knappschaft, die Einführung der  „Acht Stunden Schicht“, geregelte Urlaubstage, Bau von Bädern und Kleiderkauen, und die Entstehung der guten alten „Kaffekich“. Das alles wurde durch den Einsatz der Bergleute erarbeitet. Mich persönlich haben diese Erfolge recht früh inspiriert. Bereits mit 15 Jahren wurde ich Mitglied der Bergbau-Gewerkschaft IGBCE. Mit meinem Wechsel in ein Dienstleistungsunternehmen wurde ich Mitglied in der NGG. Der Abschied von der Grube ist mir damals nicht leichtgefallen. Noch heute fühle ich mich mit dem Berufsstand des Bergmanns eng verbunden. Gewerkschaften sind bis heute wichtig und gut. Auch wenn ihr Ruf in den letzten Jahren gelitten hat, sollten wir an dieser wichtigen Errungenschaft für die Arbeitnehmer festhalten.

Nach dem zweiten Weltkrieg arbeiteten fast 65 000 Menschen auf den saarländichen Bergwerken. In den 1960er Jahren wurde die Zahl der Gruben von 18 auf sechs reduziert. Im November 1990 wurde die Kohleförderung am Standort Camphausen, meiner Muttergrube, eingestellt. Ende 1994 wurde die Grube Luisenthal geschlossen. Nach einer politischen Vereinbarung, im März 1997, sollte innerhalb der nächsten acht Jahre die Zahl der Bergleute von 14.400 auf 8.200 reduziert werden. Im selben Jahr verkaufte die saarländische Regierung ihren Anteil an den Saarbergwerken zum symbolischen Preis von einer Mark an die RAG. Dies war das Ende der altehrwürdigen Saarbergwerke. Nach den schlimmsten bergbaubedingten Erdbeben des Bergwerks Saar, am 23.Februar 2008, war das Schicksal des Bergbaus an der Saar besiegelt. Die Landesregierung distanzierte sich vom heimischen Bergbau und beschloss das Ende der Kohleförderung an der Saar. In Dirmingen ist man noch heute felsenfest davon überzeugt, dass mit der ersten Schließung des Bergwerks Camphausen der Untergang der heimischen Bierbrauerei besiegelt wurde. Auf einer Werbeschallplatte der hiesigen Schäfer Brauerei wird die enge Verbindung zum Bergbau deutlich. Auf der Vinyl-platte hieß es:

„Kamen die Bergleut aus dem Schacht und hatten Ihre Schicht zu Ende gebracht, so gab es glaubt es mir, am besten gleich ein Schäfer-Bier.”

Schäfer Bier -Schallplatte

Am 30.06.2012 wurde die letzte Grube im Saarland, das „Bergwerk Saar“ geschlossen. Eine 250 Jahre währende Ära ist damit zu Ende gegangen. Die Bergmannsvereine an der Saar haben es sich heute zur Aufgabe gemacht, die Geschichte Bergbaus lebendig zu halten. Im Landesverband der Bergmanns-, Hütten-, und Knappenvereine gibt es aktuell 88 Mitgliedsvereine mit mehr als 27.500 Mitgliedern. Die Traditionen der Bergleute zu bewahren ist bis heute eine ehrwürdige Aufgabe die vielen Bergmannsvereinen am Herzen liegt.

Von einer Existenz eines Bergmannvereins in Dirmingen war mir bisher nichts bekannt. Vor einiger Zeit kam ein guter Bekannter auf mich zu und überreichte mir eine Tüte mit einem großen, weichen Etwas. „Da, bitte, schenk ich dir“ waren seine Worte. Völlig überrascht nahm ich seine Geste an und nahm die Tüte samt Inhalt mit Nachhause. Als ich Daheim angekommen war öffnete ich das „Päckchen“ und geriet ins Staunen. Mehr noch ich war fasziniert! Vor mir lag ein altes Banner des „Bergmannvereins Dirmingen“. Ein echter historischer Schatz mit großem ideellem Wert. Ich konnte es nicht glauben und verbrachte eine Ewigkeit damit mir dieses Prachtstück anzusehen. Es gab ihn also doch, den Bergmannsverein Dirmingen. Was hat dieser historische Fetzen nicht schon alles erlebt? Das Banner wird einen würdigen Platz in meiner Sammlung einnehmen und mich immer wieder an eine der wichtigsten Epochen unserer Neuzeit erinnern. Ohne den Bergbau wäre unser kleines Land niemals zu dem geworden, was es heute darstellt. Unsere Geschichte und unsere Traditionen beruhen auf dem Bergbau. Dies sollten wir niemals vergessen.

Glück Auf “Derminge

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