Erinnerungen an die „Faasend“ meiner Kindheit

„S is Faasenaachd, ’s is Faasenaachd, die Kischelcher genn gebagg; eraus demedd, eraus demedd,ma schdesche se in de Sagg.„Unn wenn die Mamme kää Kischelscher baggd, dann bloose ma äwwe off die Faasenaachd“

Mit diesem uralten saarländischen Fastnachtslied verbinde ich bis heute die schönsten Kindheitserinnerungen. Mit „Kischelcher“ waren natürlich die „Faasendkischelscher“, also Berliner gemeint. Meine Oma und meine Mutter backten am Fastnachtssonntag immer gemeinsam die leckeren, fettigen Hefeteilchen. Angeblich wollte im Jahre 1756 ein Berliner Bäcker seinem Herrscher Friedrich dem Großen dienen. Nachdem der Mann als Wehruntauglich abgelehnt wurde, bekam er jedoch die Möglichkeit als Bäcker die das Regiment zu versorgen. Angeblich soll der Bäcker als  Dank, die kanonenkugelrunden Hefeteigbällchen zubereitet haben. Weil es zu dieser Zeit jedoch keinen Backofen gab, wurden die Teilchen in der Fettpfanne über offenem Feuer zubereitet. Immerhin haben sich die Hefeteilchen bis heute als „Berliner Pfannkuchen“ in den Kochbüchern unserer Republik gehalten. Ob diese Legende tatsächlich der Wahrheit entspricht, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist, dass im Saarland die Berliner oder Krapfen fest zum Karnevalsbrauchtum gehören.

Das Wort „Fasching“ wurde erstmals im 13. Jahrhundert belegt. Damals verstand man unter dem „Fastenschank“ den letzten Ausschank von Alkohol vor Beginn der strengen Fastenzeit. Wie auch immer, der Begriff „Fastnacht“, „Fasnacht“ oder „Fasenacht“ orientiert sich eng am kirchlichen Jahreslauf der katholischen Kirche. Mein persönlicher Karrierestart als „Faasebooz“ begann als Kind einer protestantischen Familie eher holprig. Meine Familie distanzierte sich schon ein wenig von dem herkömmlichen karnevalistischen Brauchtum der katholischen Kirche. Als Kind war das alles schwer zu verstehen. Ich bekam am Aschermittwoch nie ein Aschekreuz und fühlte mich manchmal schon etwas ausgegrenzt. Meine Eltern waren keine echten „Faasebooze“ und beteiligten sich auch nie an einer Kappensitzung. Am Fastnachtssonntag und Rosenmontag wurde jedoch das Wohnzimmer mit Luftschlangen und bunter Fastnachtsdekoration geschmückt. Mein Bruder und ich liefen als Cowboys oder Indianer (ups jetzt habe ich es tatsächlich das „verbotene Wort“ ausgeschrieben) durch das Wohnzimmer und verfeuerten unsere Platzpatronen.

Ich erinnere mich an die alten Fernsehsendungen „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ und an die Übertragungen der Kölner Karnevalsumzüge. Im Hause Klein auf der Hohl herrschte an Fastnacht immer eine ausgelassene Stimmung. Fastnacht hat immer viel mit Brauchtum, Tradition, Heimat und dem eigenen Dialekt zu tun. Jede Familie trägt ihre eigene Geschichte, in der auch der Karneval mal mehr oder weniger eine gewisse Rolle spielt. In der heutigen Zeit geraten alte Bräuche und Sitten immer mehr in Vergessenheit. Im Saarland gab es früher den alten Brauch, dass die Kinder an Rosenmontag und Veilchendienstag “singen gehen” oder “klingeln gehen”. Kostümiert zogen die Kinder in kleinen Gruppen von Haus zu Haus um dort zu “klingeln“ und zu betteln. Öffnete sich eine Tür, begannen die Kinder damit, einen kleinen Reim oder ein kleines Liedchen vorzutragen. In Dirmingen und sicherlich auch im ganzen Saarland lautete der Reim meistens wie folgt:

„Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig, lass mich nicht zu lange stehen, ich muss noch ein Haus weitergehen.“

Für Kinder bot dieser alte Heische Brauch die Gelegenheit sich vor der Fastenzeit nochmal so richtig mit Süßigkeiten “voll zu stopfen“. Meistens wurden die Kinder nach ihrem Vortrag mit Süßigkeiten oder Kleingeld belohnt. Schade, heutzutage findet dieser alte Heische Brauchtum kaum noch Anklang. Mit dem Brauchtum ist es wie mit unserem einheimischen Dialekt, der ja regionalbedingt zur Fastnacht auch eine gewichtige Rolle spielt. Wenn wir unsere „Sprooch“ nicht ehren und reden, wird sie irgendwann in Vergessenheit geraten.

Fasnacht ist ein christliches Fest und eng verbunden mit der darauf folgenden 40-tägigen christlichen Fastenzeit als Vorbereitung auf das Osterfest. Das wird schon am Namen deutlich: Denn das Wort „Fasnacht“ bezeichnet den Zeitraum vor Anbruch der Fastenzeit. Der Ursprung des Wortes Karneval findet sich im Lateinischen. „Carne vale“ heißt übersetzt so viel wie: „Fleisch, leb wohl“. Seit dem 12. Jahrhundert stellen die Christen den vierzig heiligen Tagen der Fastenzeit eine Zeit der Sinneslust und Völlerei voran. Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit und die Kirche begleitet Jesus in dieser Zeit auf seinem Weg durch Leid und Tod bis zur Auferstehung an Ostern. Karneval und Fastenzeit gehören eng zusammen, denn die Fastnacht definiert sich ja von der Fastenzeit her. Im Hause Klein hatte Fastnacht nicht allzu viel mit Christentum, Kirche und Glaube zu tun. Lediglich am Fastnachtswochenende verwandelte sich unser Wohnzimmer in eine Narrhalla.

Natürlich wurde früher ganz anders Fastnacht gefeiert, als heutzutage. Die damaligen Umzüge waren längst nicht so prunkvoll. Im Wesentlichen spielte sich das fastnächtliche Treiben in den großen Sälen unseres Heimatortes ab. Auch das Fastnachtswochenende wurde längst nicht so exzessiv gefeiert. Der Rosenmontag hatte in meiner Kindheit einen höheren Status als in der heutigen Zeit. In meinen Erinnerungen wurde der Rosenmontag immer völlig unbeschwert mit viel Freude und vielen bunten Farben begangen. Luftschlangen, Konfetti und fettige Süßwaren waren allgegenwärtig. Schon am frühen Morgen war in der Küche Hochbetrieb. Bunte Luftschlangen zierten den Raum und lustige Karnevalslieder wurden auf dem Schallplattenspieler abgespielt. Mein Vater machte sich einen Spaß daraus, dass ganze Zimmer zu dekorieren.

Kinder liefen, geschminkt und verkleidet durch das Dorf und pflegten alte Heische Bräuche. Meine Oma bastelte immer Kapitäns Mützen aus Papier. Meine Eltern, meine Großmutter und mein Bruder versammelten sich vor dem Fernseher um die Karnevalsumzüge in Köln, Düsseldorf und Mainz zu verfolgen. Meine Kindheitserinnerung an die Fastnacht sind durchweg positiv und unbeschwert. Ein Tag voller Freude, Spaß und wunderschöner Momente in einer eher beschwerlichen Zeiten. Als Kind war insbesondere der Rosenmontag für mich ein ganz besonderer Tag. Heute habe ich, nicht zuletzt wegen meiner Mitgliedschaft im KKV Dirmingen eine andere, aber nicht weniger, besondere Verbindung zur Fastnacht. Die Fastnacht hat für mich, auch als protestantischer Christ, einen enorm hohen Stellenwert. Kein anderes Fest identifiziert sich dermaßen mit Heimat, Tradition und Dorfkultur wie die Fastnacht. Seltsamerweise finden sich meine Kindheitserinnerungen in der heutigen Form der Fastnacht kaum wieder. So ist das Leben, jede Zeit hat ihre Besonderheiten. Obwohl die Fastnacht in ihrer ureigenen Form immer gleich bleibt, wird sie doch von Generation zu Generation anders gefeiert und gelebt. Gut so, Hoppla Hopp !

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