Die Geschichte vom fünften Rad am Wagen!
Nur ein Märchen ??
Es war einmal ein kleines Dorf inmitten eines beschaulichen Landes. Über Jahrhunderte fühlte sich das kleine Dörfchen zu seinem nordöstlichen Nachbarort verbunden. Beide Dörfer pflegten den gleichen Dialekt und die gleiche Konfession. Irgendwann forderten die großen Herren des Landes eine neue Zusammenlegung der Landkreise. Das kleine Taldorf war von diesen Plänen keineswegs begeistert. Die Trennung vom Nachbardorf, hin zu einer neuen Gemeinde, wurde nur zähneknirschend hingenommen. Mit der Neueingliederung wurde das Dörfchen zum östlichsten und abgelegensten Ortsteil der neuen Einheitsgemeinde. Die Einwohner des Dörfchens fühlten sich schnell wie das „fünfte Rad am Wagen“.
Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch das dörfliche Leben. Im Laufe der Jahrzehnte wurde viele alte historische Gebäude wie eine alte Mühle, eine alte Schule oder das alte Gemeindehaus dem Erdboden gleichgemacht. Im Gegenzug wurde nur wenig neu erbaut. Gottlob bekam die ortseigene Feuerwehr ein neues Gerätehaus und irgendwann wurde, nach vielen Streitereien, auch mal ein neuer Kindergarten erbaut.
Die Jahre vergingen und die Menschen in dem Dörfchen passten sich immer mehr den neuen Begebenheiten an. Immerhin musste man miteinander klarkommen und sich gegenseitig respektieren. Immer dann, wenn in dem Dörfchen etwas Neues entstehen sollte, musste mit der Verwaltung darüber gestritten werden. Die Fronten verhärteten und nur selten konnten sich die Menschen in dem kleinen Taldorf über eine Entwicklung freuen.
Irgendwann sollte in der Ortsmitte ein neuer Einkaufsladen errichtet werden. Nach vielen Jahren mit endlosen Debatten, Streitereien und gegenseitigen Vorwürfen konnte schließlich der Bau eines neuen Einkaufsmarktes in Angriff genommen werden. Die Menschen in dem Dorf durften sich jedoch nur kurze Zeit über diese Entwicklung freuen. Plötzlich hörten die Einheimischen von einem Baustopp und Ungereimtheiten im Bauvorhaben. Die Dorfbewohner standen fassungslos vor einem Streit zwischen Verwaltungen und den Bauherren. Niemand im Dorf konnte nachvollziehen, wie es zu diesem Baustopp kommen konnte. Im Mittelpunkt einer neu aufflammenden Diskussion stand der Hochwasserschutz. Warum der Baustopp jedoch erst nach Fertigstellung des Gebäudes einberufen wurde und nicht unmittelbar nach Baubeginn, konnte niemand nachvollziehen. Unnötige Zeit ging verloren und die Menschen fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.
Das Dorf gehörte wegen seiner großen Gemarkung zu den größten Ortschaften des beschaulichen Landes an der Saar. Irgendwann musste eine uralte Brücke zu einem vielbesiedelten Ortsteil aus Sicherheitsgründen entfernt werden. Die Menschen waren sich zunächst sicher, dass schon sehr bald eine neue Brücke erbaut werden würde. Immerhin wurde mit diesem Brückenrückbau ein kompletter Ortsteil von der Dorfmitte getrennt. Im Laufe der Zeit wurden den Menschen bewusst, dass der Bau einer neuen gemeindeeigenen Brücke immer mehr in die Ferne rückte. Die Kosten einer neuen Brücke konnte die Einheitsgemeinde nicht allein tragen. Auf ihrer Suche nach Förderern, Helfern oder Geldgebern wurden die Menschen immer wieder enttäuscht. Niemand konnte verstehen, warum man einen solchen Zustand duldet. Die Enttäuschung der Menschen und insbesondere der betreffenden Siedlung war deutlich zu spüren. Die Bewohner fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.

Das Dörfchen pflegte eine gute Gemeinschaft, in der auch Vereine, Organisationen und besonders Kinder sich wohl fühlten konnten. Leider fehlten dem Dorf ein Zentrum, um sich zu treffen und die Zeit zu vertreiben. Einzig die ortseigene Schulturnhalle bot eine Anlaufstelle für die Kindergartenkinder, Schulkinder und alle Mitglieder der vielen Vereine und Organisationen. In der Halle fand wöchentlich ein reges Treiben statt. Es wurde gefeiert, trainiert, geübt und gespeilt. Irgendwann kam über Nacht die schreckliche Nachricht, dass sich die Schulturnhalle in einem desolaten Zustand befindet und geschlossen werden muss. Die Menschen fragten sich, ob diese Erkenntnis tatsächlich so überrascht kam. Fassungslos mussten die Dorfbewohner zusehen, wie ihre Kinder fortan in andere Ortschaften ihrem Sport nachgehen mussten. Die letzte Anlaufstelle einer funktionierenden Dorfgemeinschaft wurde auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die sicherheitsbedingten Gründe waren nachvollziehbar. Die Menschen stellten sich jedoch die Frage, warum man so lange mit der Sanierung gezögert hatte. Auf der Suche nach Förderern, Helfern und Geldgebern wurden die Verantwortlichen wieder Mals enttäuscht. Traurig musste man mitansehen, wie gute Gelder woanders investiert wurden. Die Bewohner des Dörfchens fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.
Wenn man nichts mehr hat, muss man sich gegenseitig festhalten. Die Menschen nutzten jede Möglichkeit um miteinander zu feiern und die Zeit zu verbringen. Das örtliche Gewerbe schrumpfte zusehends und die Gastronomie hatte es immer schwerer. Die Nachricht von einem Brand, in einer innerörtlichen Gaststätte, erschütterte die Dorfgemeinschaft bis ins Mark. Erneut standen die Menschen buchstäblich vor den Trümmern und blickten dankbar auf die noch vorhandene Gastronomie. Mit diesem verheerenden Brand einer Dorfkneipe verlor die Bevölkerung erneut eine wichtige Anlaufstelle. Die Menschen konnten ihr Unheil nicht fassen und fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.
Weitermachen und nicht aufgeben! Die Menschen in dem kleinen Dörfchen machten weiter und arbeiteten an ihrer Zukunft. Immer wieder mussten die Leute empfindliche Rückschläge einstecken. Schon Jahre vor dem Abbruch der Brücke, der Schließung der Halle und den Problemen um den Bau eines Nahversorgers musste das Dorf herbe Schicksalsschläge einstecken. Einem schrecklichen Starkregenereignis folgte einige Jahre später ein böses Hochwasser. Viele Menschen verloren dabei Hab und Gut und standen vor einem Neuanfang. Doch irgendwie haben es die Menschen in diesem Dorf geschafft sich immer wieder neu zu erfinden. Mit Trotz, Wut und Fleiß fanden die Menschen in dem kleinen Dörfchen immer wieder einen Neuanfang. Viele Bewohner blickten in diesem schweren Zeiten neidisch auf andere Regionen und fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.
Irgendwann durften die Einwohner des Dorfes auf die Erschließung eines Neubaugebietes hoffen. Neue Menschen sollten eine neue Heimat finden und das Dorf bereichern. Das kleine Taldorf wusste sehr wohl, dass dieses Bauvorhaben einige Probleme mit sich zog. Die Versieglung eines großen Gebietes könnte bei starken Regen zu Problemen in der Ortsmitte führen. Die Menschen hofften jedoch darauf, dass diese Hürden schnell zu nehmen sind und schon bald der erste Bagger auftauchen würde. Es muss doch eine vernünftige Lösung für alle Menschen in diesem Dorf geben, oder? Weit gefehlt von allen Ecken des Landes kamen Bedenkenträger und Besserwisser. Der Baubeginn rückte immer mehr in die Ferne und die Menschen in diesem Dorf fühlten sich mal wieder wie das „fünfte Rad am Wagen“.

Hin und wieder fanden die Einheimischen Trost in der Sanierung der ein oder anderen Brücke oder der Erneuerung eines Bahnhofsparkplatzes oder eines Parkes in der Ortsmitte. Vieles erledigten die Menschen im Dorf jedoch selbst in ehrenamtlicher Kleinarbeit. Flut, Feuer und Niederschläge vermochten es nicht die Menschen des keinen Dorfes zu entmutigen. Im Laufe der Jahre hat sich das kleine Taldorf verändert. Menschen verstarben oder suchten anderswo eine neue Heimat. Auf der Suche nach neuen Chancen wurden die Einheimischen erfinderisch. Während vielerorts das kulturelle Dorfleben nur noch mit Steuergeldern oder Unterstützung der Verwaltung am Leben gehalten wurde, konnten die Menschen in dem kleinen Dörfchen Kraft aus vielen eigenen Veranstaltungen schöpfen.
Das fünfte Rad am Wagen. Immer dann, wenn jemand überflüssig oder lästig ist, bezeichnet man diesen als das fünfte Rad am Wagen. Das Sprichwort ist so alt wie das kleine Dörfchen selbst. Den ältesten Nachweis für diese Redensart findet man bereits in Fecunda ratis des Egbert von Lüttich, einer lateinischen Sprichwörtersammlung aus dem 11. Jahrhundert in der Form: „Quem fastidimus, quinta nobis est rota plaustri“ (Wer uns widerwärtig ist, der ist das fünfte Rad am Wagen). Die Menschen in dem kleinen Dörfchen haben gelernt mit diesem Makel zu leben. Immer dann, wenn es am härtesten wird, wächst die Dorfgemeinschaft über sich hinaus. Wie lebt es sich als „fünftes Rad am Wagen“? Spannend wird es erst dann, wenn eines der vier „wichtigen“ Räder einmal wegbricht. In einem solchen Fall ist man froh, wenn man ein funktionierendes „fünftes Rad am Wagen“ hat !
……und wenn Sie nicht gestorben sind, dann leben Sie noch heute !