Mehr Empathie,…dann klappt’s auch mit dem Nachbar’n
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. Wer kennt es nicht: Sticheleien am Gartenzaun, Geschrei im Treppenhaus, Bedrohungen vor der Haustür oder Verunglimpfungen in bösen Briefen oder E-Mails. Fast jeder hatte schon mal Stress oder Ärger mit seinem Nachbar/innen. In den allermeisten Fällen geht es, um typische Alltagskonflikte die im Grunde leicht auszuräumen sind. Ein falsches Wort, ein schiefer Ton oder eine Berührung bringen das Fass zum Überlaufen. Manchmal endet ein Nachbarschaftsstreit in einem guten Gespräch, manchmal vor Gericht.
Die absoluten Klassiker an der Front der Nachbarschaft Streitereien sind: Lärmbelästigung, Müllablagerung, besetzte Parkplatz, zu laute Kinder oder Grenzangelegenheiten. Seit ich, dass Amt des Ortsvorstehers ausübe, hat sich die Lage drastisch verschärft. Gefühlt haben sich die Fälle von massiven Nachbarschaft Streitereien verdoppelt. Irgendwo kriselt es immer. Dabei liegt es nicht in der DNA eines Ortsvorstehers Streitereien zu schlichten oder gar ein Machtwort zu sprechen. Natürlich versucht man Kraft seines Amtes die Wogen zu glätten und zwischen den „Streithähnen“ zu vermitteln. Nachbarschaftsrecht liegt jedoch nicht im Aufgabenbereich eines Ortsvorstehers. Übrigens, genau so wenig wie Verkehrsdelikte.
Am meisten hilft Empathie. Gemäß dem Motto: „Was du nicht willst, was man dir tut…“ kann schon vieles „im Keime“ erstickt werden. Ein nettes Gespräch auf Augenhöhe und ein freundlicher Ton klang können vieles bewirken. Wenn das nicht weiterhilft, sollte man den Schiedsmann kontaktieren. Der Schiedsmann vermittelt bei Nachbarschaftsstreitigkeiten und zeigt Lösungen auf. In den letzten Jahren konnten auf diesem Weg viele Konflikte elegant gelöst werden. Letztendlich wird es vor Gericht keinen Sieger geben. Der Urteilsspruch sorgt bestenfalls für einen bitteren, teuren und hart erkämpften Frieden.
Was mir in letzter Zeit große Sorgen bereitet, ist die Schärfe der verschiedenen Auseinandersetzungen. Mittlerweile wird mit harten Bandagen gekämpft. Es werden Film- und Bildaufnahmen gemacht und Kontrollfahrten unternommen. Will sagen: Die potenziellen Gegner sind viel besser organisiert und vorbereitet. Man gewinnt unwillkürlich das Gefühl, dass so mancher Zeitgenosse ganz bewusst das berühmte „Haar in der Suppe“ sucht. Jeder Fehler wird hart bestraft !
Gute Nachbarschaft ist ein wahrer Segen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass auch ich schon meine Erfahrungen mit dem ein oder anderen Nachbarn gemacht habe. Ich für meinen Teil bevorzuge es, mich zurückzuziehen und weiteren Wortgefechten aus dem Weg zu gehen. Eigentlich ist genau diese Eigenschaft, im meinem privaten Umfeld oder im Ehrenamt, überhaupt nicht meine Art. Bei Nachbarschaftskonflikten wähle ich jedoch gerne den Weg des Rückzugs. Schließlich muss ich mit dem ein oder anderen Zeitgenossen womöglich einige Jahre weiter Tür an Tür zusammenleben. Zuhause will man sich schließlich wohlfühlen und seine Ruhe genießen. Bei all dem Alltagsstress braucht man nicht noch einen nervenaufreibenden Nachbarschaft Streit vor seiner Haustür.
Ich komme aus einer Zeit, in der die Nachbarschaft einen ganz anderen Stellenwert hatte. Gemeinsam haben die Männer das Festzelt zum Dorffest aufgebaut während der Frauen zusammen kochten. Die Menschen waren früher mehr aufeinander angewiesen. Streitigkeiten wurden schnell bei einem Glas Bier, mit einer klaren Ansage, ausgeräumt. Dabei wurde das ein oder andere Wort nicht überbewertet. Niemand konnte sich erlauben nachtragend zu sein. Die Menschen im Dorf braucht sich und mussten sich in der Not vertrauen können. Natürlich gab es auch früher viele Nachbarschaftsstreitereien. In den meisten Fällen wurden diese jedoch beim nächsten Straßenfest bei einem Bier ausgeräumt.
Nicht nur diese Zeiten, sondern auch unser Dorf hat sich verändert und somit auch die Menschen, die darin wohnen und leben. Wozu brauche ich für meinen Seelenheil noch eine gute Nachbarschaft? Ich brauche auch kein gutes Wort mehr, wenn sich alles per mail oder WhatsApp regeln lässt. An der Tastatur gewinnt man leicht an Oberwasser. Schließlich sind meine Rechten und Pflichten bei Google zu finden. An der Tastatur vergessen manche Leute gerne einmal ihre gute Kinderstube. Wenn es um das eigene Seelenheil oder das „eigene heilige Recht“ geht, verlässt man gerne einmal den Weg des Miteinanders.
Dirmingen hat sich verändert. Gefühlt steht jeden Tag an einer anderen Stelle ein Umzugswagen. Besonders in der Ortsmitte ist durch die vielen Mietshäuser ein stetiger Wandel zu erkennen. Ein weiteres Problem liegt in der Verbreitung von Vorurteilen. Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Identität vorverurteilt. Auf der anderen Seite stellen wir immer wieder fest, dass viele neue Mitbürgerinnen und Mitbürger keinen Wert darauf legen sich im Dorf zu integrieren. Ein Nachbarschaftsstreit ist unter solchen Umständen vorprogrammiert.
Wie kommen wir aus dieser Misere heraus? Im besten Fall ein klärendes Gespräch suchen und die Grundlage klären. Wenn man dabei kein gutes Gefühl hat, sollte man Abstand gewinnen und auf die Zeit setzen. Man sieht sich immer zweimal im Leben. Will sagen: Jeden Tag öffnet sich eine andere Tür, in der ein anderer sein Recht verteidigt oder etwas benötigt. Spätestens dann besteht die Möglichkeit gemeinsam zurückzublicken, Dinge zu klären und Angelegenheiten auszuräumen.
Wir leben in Zeiten der Verrohung, der Missgunst, des Hasses und des Neides. In diesen Zeiten ist es schwer einen gemeinsamen Weg zu finden. Die Menschen brauchen sich nicht mehr gegenseitig. Das ist nicht nur ein echtes Problem, sondern auch ein wahrer Gemeinschaftskiller. Wie wollen wir unsere Gemeinschaft in diesen Zeiten erleben und fördern? Wie gelingt es uns wieder dem Gegenüber in die Augen zu schauen? Gibt es tatsächlich nur meine eigene Wahrheit? Die Antwort liegt in der Empathie. So, wie es im Moment läuft, kann es nicht bleiben. Achtet aufeinander und gebt euch eine reale Chance, dann,….klappt’s auch mit dem Nachbar’n