Every Generation Got Its Own Disease- Glaub mir, jede Generation hat ihre eigene Pest“

(Fury in the Slaughterhouse).

Einer Studie zufolge trägt jede Generation mittlerweile einen Namen. Die Generation X beinhaltet die Geburtsjahre 1965 bis 1975 und umfasst Menschen die zu dieser Zeit geboren wurden. Eigentlich ist diese Generation die erste, die frei von Kriegswirren aufwuchs. Mit meinem Geburtsjahr 1969 bin ich stolzes Mitglied dieser zweifelhaft großartigen Generation X. Die Angehörigen meiner Generation wurden in eine Welt geboren, in der überwiegende Frustration dominierte. Als Kinder wuchsen wir in einer Zeit auf, in der die Frau erst am Anfang der Emanzipation stand. Unsere Kindheit war geprägt von politisch unruhigen Zeiten. Nach vielen Jahren im Frieden musste sich die Generation X erstmals mit dem Thema atomare Aufrüstung auseinandersetzen. Der sogenannte “kalte Krieg“ schürte die Angst vor der Zerstörung der Welt.

Ich habe mich mal gefragt für was steht diese Generation X eigentlich. Als ich damit begann mich mit diesem Thema zu beschäftigen, erlebte ich eine ureigene persönliche Zeitreise. Meine Kindheit in den 1970-gern und meine Jugend in den 1980-gern war geprägt von Autowaschen, Kohlen-schippen, erste Musikkassette, erste Schallplatte, RAF-Terror und ein schreckliches Modeverhalten. Klar, dass Lebensgefühl in den 80ern war ein anderes. Mit Sicherheit war nicht alles gut, wobei vieles besser war als heute. Immerhin durfte ich noch ohne Helm Fahrrad fahren. Unsere Kindheit entstand aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges. Obwohl in meinem Geburtsjahr der zweite Weltkrieg schon fast 30 Jahre vorüber war, herrschte noch dieses alte Spießertum der Nachkriegszeit. Hinter den Gardinen wurde gelästert und getratscht.

Ich habe mich gefragt, mit was ich meine Kindheit eigentlich verbinde. Ohne lange zu überlegen sind mir folgende Dinge eingefallen: Toast-Hawaii, schreckliche Tapeten, Schlaghosen, Schlagermusik, Samstagabend-Shows, Samstagabend-Baden, Kaugummi-Automaten, Zauberwürfel und Oma’s Kittelschürze. Die Arbeitskleidung aller deutschen Großmütter der Nachkriegszeit war die gute alte „Kittelschürze“. Heute ist das gute Teil vom Aussterben bedroht. Die Schürze ist aus der Mode geraten und liegt längst nicht mehr im Trend.  Was gab es früher für großartige Exemplare: Geblümt, kariert, einfarbig, mit kurzen Armen, vorne geknöpft oder später sogar mit Reißverschluss. Was für den Mann der 1970-ger der „Blaumann“ war, bedeutete für die Frau aus dem Dorf die „Kittelschierz“. Heute tragen nur noch wenige ältere Frauen eine „Kittelschierz“.

Meine Oma trug eigentlich immer eine „Kittelschürz“ wobei sie praktisch für jeden Tag eine zur Auswahl hatte. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass meine beiden Großmütter jemals ohne diesen Kittel unterwegs waren. Wenn ich an meine Kindheit denke, gehört der „Kittel“ einfach dazu. Zu allen möglichen Aktivitäten wurde dieses Teil getragen und praktisch nur zur Wäsche oder zum Schlafen gehen ausgezogen. Das Kochen und Putzen wurden ebenso damit erledigt wie die anstehende Gartenarbeit. Wer hat heute noch einen Garten? Meine Oma konnte sich ein Leben ohne Garten nicht vorstellen. Von Erdbeeren, Kohlrabi, Salat bis hin zur Bohne wurde praktisch alles angepflanzt. Wenn im Spätsommer eingemacht wurde, saß meine Oma auf einem alten Stuhl mit einer großen Schüssel auf dem Schoss und entkernten Obst oder schälten den Kohlrabi. Als Kind beobachtete ich jeden Arbeitsschritt ganz genau und schaute meiner Oma dabei immer auf die Hände. Diese waren von harter Arbeit gezeichnet. Sie hat sich nie beklagt. Arbeit gehört einfach dazu und musste in Kauf genommen werden. Ich liebte es, wenn sie am Herd stand und an einem großen Topf entweder Marmelade (Siessschmeer) oder Pflaumenmus (Lachzem), zubereitete. Wenn heute meine Frau ihre eigene Marmelade zubereitet werden in mir Kindheitserinnerungen geweckt. Wenn ich die Augen schließe und mich bemühe rieche ich noch heute frisch zubereiteten „Appelkuche“, „Quetschekuche“, „Kohlroladen“, „Gefilde“,“Mehlkneppcher“,„Geheirate“ oder „Briehbohnesupp“.Fast-Food oder ausländische Küche wurde nur ganz selten serviert.

In der vergangenen Woche hatten wir Klassentreffen. Immer wieder schön die alten Weggefährten zu sehen. Die allermeisten kenne ich seit dem Kindergarten. Natürlich ist im Laufe der Jahre eine Bindung entstanden. Während andere kaum noch ein Jahrgangstreffen hinbekommen, gelingt es uns immerhin noch einmal im Jahr mit einem Kern ein Treffen zu organisieren. Alle bekommt man sowieso nie zusammen. Natürlich sind auch im Laufe der Jahre viele Freundschaften zerbrochen. Heutzutage werden Freundschaften eher verhalten gepflegt. Früher ging man gemeinsam durch dick und dünn und wenn man mit dem Kollegen ein Problem hatte ging man mal kurz vor die Tür. Früher? Jetzt höre ich mich schon an wie mein Vater. Sei’s drum. Irgendwie ist das Verhältnis zu meinen Klassenkameraden sehr innig. Obwohl wir längst nicht jede Woche Kontakt pflegen, fühlen wir uns bei einem Treffen verbunden. Ich denke verantwortlich dafür ist die gemeinsam verbrachte Kindheit.

Jede Zeit hat ihre Eigenheiten. Als Kinder haben wir uns nach der Schule getroffen und sind erst wieder Nachhause, wenn es dunkel wurde. Ab über Wiesen und durch Wälder bis hin zum Sport -oder Bolzplatz. Als Kind hatte man viel zu tun und eigentlich nie Zeit. Nach der Kindheit kam die schwere Jugendzeit und mit der eigenen Pubertät wuchs das Interesse am anderen Geschlecht.  Mädchen immer wieder Mädchen. Wenn man damals Interesse an einem Mädchen hatte, musste man es ansprechen. Damals gab es noch keine sozialen Medien wie z.B Facebook oder WhatsApp. Wenn man also zum Ziel gelangen wollte, brauchte „Mann“ viel Mut und Überzeugungskraft. Leider gehörten in meiner Jugend genau diese Eigenschaften nicht zu meinen Stärken.

Die 80-ger Jahre. Mein Gott, was für ein Jahrzehnt. Schlechte Frisuren, schräge Klamotten, neue Musik und ein völlig neuer Lifestyle. Es gab Punker und Popper. Du musstest dich entscheiden. Wolltest du dazugehören oder einfach danebenstehen. Ich fand mich in keinem der beiden Lebensphilosophien wieder. Die 1980-ger waren alles andere als eine leichte Zeit. Es wuchs die Angst vor den Atombomben, dem Waldsterben oder der neuen Seuche Aids. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat vieles verändert. Vieles aber eben nicht alles. Damals dachten wir, dass diese Katastrophe der letzte Warnschuss war. Wir wurden eines Besseren belehrt. Die Menschheit spielt weiterhin mit dem Feuer und setzt auch heute noch auf die Atomkraft. Schließlich endete dieses Jahrzehnt mit dem Mauerfall im Jahre 1989. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag des Mauerfalls erinnern. Ich saß, bei einem Bier, im Gasthaus „Alte Post“ und wollte es nicht glauben. Was passiert gerade? Die Welt, wie wir sie kannten, geriet aus dem Fugen. Was kommt nun und was ändert sich? Heute 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich vieles verändert. Vieles zum Guten und wiederum vieles zum Schlechten. Es ist noch längst nicht zusammengewachsen was zusammengehört. Früher hieß die Geisel des Ostens SED, heute heißt die neue Gefahr AFD.

Heute 80 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges müssen wir wiedermal um den Weltfrieden und das Weltklima kämpfen. Schlimmer noch, wir müssen um den Erhalt unserer Demokratie fürchten. Einer aktuellen Umfrage zur Folge gibt es einen relativ hohen Prozentsatz an Mitbürgern, die eine Demokratie für fragwürdig und sogar überaltert halten. Muss man sich mal vorstellen! Die Generation X verfügt über das Zeitalter mit der besten Musik. Viele große Popstars wurden geboren und prägten die Musikwelt: Prince, Michael Jackson, Phil Collins, Westernhagen, Extrabreit, Falco und Nena. Mein Gott was habe ich dieses Mädchen aus Hagen angehimmelt. Mein Jugendzimmer hing voller Bilder und Poster. Die Generation X hatte auch die schillerndsten Sportskanonen: Diego Maradona, Steffi Graf, Boris Becker, Manfred Burgsmüller und sogar Lothar Matthäus fand ich damals noch gut. Bis heute frage ich mich wo eigentlich Jochen Behle steckt. Ohrwürmer wie z.B „99 Luftballons“,”Billie Jean”, „Thriller“, „Like A Virgin“,“ Forever Young”, “Take on me“ und natürlich die Neue Deutsche Welle. Man war das ein Stoff. Die Saarländerin Nicole gewann 1982 erstmals mit „Ein bisschen Frieden“ für Deutschland den Grand Prix. Vieler dieser alten Hits sind heute noch aktuell und werden von den Radiosendern gespielt. Die 80-ger waren schräge Klamotten, großartige Musik und „Wetten, dass…“. Nach der Sportschau stundenlang auf der Couch lungern und auf Gottschalk warten. Das vermisse ich noch heute….

Zwischenbilanz. Die Generation X befindet sich nun im fortgeschrittenen Alter. Mein Jahrgang vollendete in diesem Jahr das 50 Lebensjahr. Manche haben das optisch gut verkraftet andere wiederum weniger. Die Haare sind nicht mehr so voll und das Hüftgold wird zusehends fülliger. Auch unsere Mädels haben mit den Zeichen der Zeit zu kämpfen wobei sie noch weitaus besser aussehen als wir Jungs. Die Jahre vergehen und mit dem 50. Lebensjahr haben wir die Halbzeit unseres Lebens erreicht. Mitten im Spätsommer des Lebens kann man auch mal eine Zwischenbilanz ziehen. Dies überlasse ich in erster Linie jedem Einzelnen selbst. Wir kommen nun in ein Alter in dem verschiedene Körperstellen schon mal wehtun können. Ans Ende sollten wir jedoch noch lange nicht denken. Es liegt noch vieles vor der Generation X.  Wir könnten uns noch so einiges vornehmen. Wir sollten versuchen von unserer Vorgänger-Generation „Babyboomer“ zu lernen und als Vorbilder unserer Nachfolger-Generationen zu dienen. Nach uns kam die Generation Y, danach die Generation Z. Was für ein Nonsens mag an dieser Stelle so mancher denken. Wenn man sich jedoch mal diese Studie über die verschiedenen Generationen durchliest wird man überrascht sein. Vieles ist richtig und zutreffend.

Ich glaube am Ende hat jede Generation ihr eigenes Drama. Viele Probleme wiederholen sich jedoch in regelmäßigen Abständen wobei wir Menschen eigentlich niemals aus Fehlern lernen. Bestes Beispiel ist der Drogenkonsum. Schon in den 1970-gern und 1980-gern lungerten die Dealer in unserer Umgebung herum und verkauften ihre Ware. Früher waren es Gras, Kokain, LSD und Heroin. Heute vertreiben die Dealer synthetische Drogen mit einer ebenso verheerenden Wirkung. Manche Dinge ändern sich nie! Wie geht’s nun weiter mit der Generation X und ihren Nachfolge-Generationen? Am besten immer nur Leben. Manchmal zurückblicken kann nix schaden. Früher war nicht alles besser und früher war auch nicht alles gut. Die Kinder und Jugendlichen von heute sind viel besser als der Ruf, der Ihnen vorauseilt. Was wir brauchen sind „Lichtgestalten“, Gutmenschen, „Anpacker“ und Optimisten. Auch wenn ich in letzter Zeit doch oft von Menschen enttäuscht wurde, habe ich den Glauben an das Gute noch lange nicht verloren.

Das Fazit meiner persönlichen Zwischenbilanz der Generation X lautet: Soweit so gut, durchatmen, Aufstehen, Knochen richten und weitermachen. Es liegt noch ein langer Weg vor uns……

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