Jedes Ende birgt einen Neuanfang- Wir brauchen Mut zur Veränderung
Das Leben in unseren Dörfern und Städten verändert sich zusehends. Verantwortlich für diese Entwicklung ist ein struktureller- und demografischer Wandel, der geeignete Entwicklungsprozesse einfordert. Manchmal beschäftige ich mich mit der Frage, wie unser Heimatort wohl im Mittelalter ausgesehen haben mag. Wir wissen, dass Dirmingen nach dem 30- jährigen Krieg zu einem wohlhabenden Bauerndorf aufstieg. Bilder aus dieser Zeit existieren naturgemäß nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde erbaut, erweitert, abgerissen oder zerstört. Nur wenige Bauten, Gebäude oder Häuser haben sich über einen längeren Zeitraum erhalten.
Das Leben ist Veränderung. Wer von uns weiß schon, wie unser Dorf in 50 Jahren aussehen wird? Vielleicht wird dann schon nichts mehr an unsere heutige Zeit erinnern. Die Herausforderungen unseres Zeitalters erfordern neue, innovative Antworten. Nicht nur die Bauten dieses Dorfes haben sich verändert, sondern auch die Menschen. Viele gute Leute sind verstorben oder weggezogen. Neue Gesichter sind in unserem Dorf angekommen. Neue Meinungen, neue Ansichten und Einstellungen. Jedes Ende birgt einen Neuanfang!
Mittlerweile versuchen Bund- und Länder die Veränderungen in den Dörfern als Chance zu nutzen. Maßnahmen wie Dorferneuerungs- und Förderprogramme, digitale Versorgungsmodelle und die Umnutzung alter Bausubstanz und die Förderung neuer Energiequellen sollen die Lebensqualität verbessern. Ziel ist es den ländlichen Raum zukunftsfähig zu gestalten. Unsere Wälder und Fluren sind umzingelt von Windrädern und Solarparks. In den Dörfern prägen Leerstände das Ortsbild. Fast stündlich steht irgendwo ein Umzugswagen. Das Geschäft mit billigem Wohnraum explodiert. Keine Zeit zur Dorfgemeinschaftspflege oder zu mehr Miteinander. Jeder ist sich selbst der Nächste. Unsere Vereine, das Gewerbe und die Gastronomie leiden unter diesen Umständen. Wer hat die passende Antwort auf die Fragen unserer Zeit ?

Das Leben ist Veränderung. In den meisten Fällen benötigt man den Mut zu notwendigen Veränderungen. Will sagen: Manchmal muss es wehtun, damit es gut werden kann. In unserem Dorf gibt es zahlreiche Baustellen, die unbedingt angegangen werden müssen. Mit Sorge blicken wir auf den Zustand unserer Borrwieshalle, die klaffenden Lücken in der Ortsmitte oder die fehlende Brücke zur „Hardt“. Keine Spur von angekündigten Investitionen des Bundes und der Länder für die Kommunen dieses Landes. Wir fühlen uns allein und im Stich gelassen. Aus dieser Enttäuschung resultiert Wut und Hass. Eine gesellschaftliche Verrohung fordert täglich neue Feindbilder. Der Zorn auf Politiker oder alles Fremde wächst und ist kaum von der Hand zu weisen.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Nicht alles ist dem Untergang geweiht. In unserem Dorf passieren auch viele gute Dinge. Wir müssen es nur sehen und annehmen. Kritik ist gut und kann helfen uns alle weiterzubringen. Kritik kann aber auch entmutigen und zermürben. Wir alle sollten uns einmal mehr freundlich ansehen, auf die Schulter klopfen oder die Hand reichen. Die sozialen Medien leisten einen enormen Beitrag zur allgemeinen Verrohung in unserer Gesellschaft. In unserer heutigen Zeit geht die Menschlichkeit mehr und mehr verloren. Selbst wenn etwas Neues entsteht, finden viele von uns erstmal Kritik und Häme.

Die Wenigsten hätten noch daran geglaubt, dass Dirmingen tatsächlich einen neuen Nahversorger erhält. Die letzten Jahre waren sehr hart und zermürbend. Immer wieder hinfallen, aufstehen und kämpfen. Einer Enttäuschung folgte die nächste Hoffnung. Am Ende dauerte der Kampf um einen neuen Nahversorger fast fünf Jahre. Ich werde die vielen Gespräche mit den Grundstückseigentümer nie vergessen. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass es auch um die Menschen in diesem Dorf und der Zukunft unserer gemeinsamen Heimat geht. Im Jahr 2026 wird in der Dirminger Ortsmitte ein neuer NETTO-Markt entstehen. Damit wird nicht nur die Nahversorgung sichergestellt, sondern auch das Ortsbild aufgewertet.


Diejenigen die mich einigermaßen kennen, wissen dass ich ein großes Herz für unsere Dorfkultur und auch für unsere alten Bauten und Häuser habe. Ich lebe seit meiner Geburt in diesem Dorf und habe vieles kommen und gehen gesehen. Ich erinnere mich an viele schmerzliche Entscheidungen die den Abriss der „Alten Mühle“, der alten evangelischen Schule oder auch den Abbruch der „Schäfer Brauerei“ herbeiführten. Das alles war sehr schmerzlich und oftmals auch nicht nachvollziehbar. In vielen Fällen hat mir persönlich ein Konzept zur Verbesserung der Situation gefehlt. Dort wo einst unsere Brauerei stand, klafft heute ein großes Loch und unsere historische Grundschule ist einem Parkplatz zum Opfer gefallen.
Manchmal muss es wehtun, damit es gut werden kann. Den Abrissarbeiten für den neuen Nahversorger fielen ein Familienhaus und ein historisches Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert zum Opfer. Ich konnte mir unsere Ortsmitte nicht ohne diese beiden Gebäude vorstellen. Nach dem Abriss wirkte der neue Blick auf die Dinge schon befremdlich. Ich hegte jedoch nie einen Groll, sondern empfand große Freude. Obwohl ich schon ein wenig traurig über den Verlust dieser historischen Schätze war, überwog die Vorfreude auf etwas neues, besseres. Der neue Markt wird unsere Infrastruktur und unser Ortsbild aufwerten.

Ich muss zugegeben, dass mich viele Kommentare in den sozialen Medien überrascht haben. Manchmal steht man kopfschüttelnd vor einer Meinung und weiß nicht damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass man es ohnehin nie jedem recht machen. Zur Tatsache gehört aber auch, dass wir viele Jahre Zeit hatten eine Lösung für unsere Ortsmitte anzustreben. Wenn man historische Bauten erhalten möchte, muss man sich auch zur gegebenen Zeit darum kümmern. Das Beklagen allein, hilft niemanden weiter. Natürlich ist es schade, dass wir einen weiteren historischen Schatz verloren haben. Schon das Zusehen der Abrissarbeiten hat körperliche Schmerzen herbeigeführt. Immerhin konnte der historische Türsturz des Bauernhauses gerettet werden. Für die Zukunft unseres Dorfes waren diese Abrissarbeiten jedoch alternativlos.


Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern: Dirmingen war nach dem zweiten Weltkrieg eine der meistgeschädigten Landgemeinden im Kreis Ottweiler. Zahlreiche Häuser waren zerstört oder stark beschädigt. Die Feldwege waren teilweise in einem desolaten und unbenutzbaren Zustand. Mit viel Mut zur Veränderung und der entsprechenden Innovation packte die Dorfgemeinschaft ihre Probleme an. Alte Ruinen und zerstörte Häuser wurden gebrochen und die sehr schmale Ortsdurchfahrt sollte breiter ausgebaut werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war es kaum möglich, dass zwei Fahrzeuge zeitgleich die Hauptstraße befuhren. Leider fielen der geplanten Straßenverbreiterung einige historische Häuser zum Opfer. Bereits während des zweiten Weltkrieges im Jahre 1940 wurde das alte historische Haus der Gebrüder Schäfer „Veltes“ von französischen Kriegsgefangenen eingeebnet. Schon damals spielte man mit dem Gedanken die Straße zu verbreitern und auszubauen. Nach dem Krieg wurde auch das historische „Schwähns“ Haus gegenüber der Brauerei dem Erdboden gleich gemacht. Die viel zu schmale Hauptstraße, heutige Lebacher – und Illingerstraße, wurde endlich ausgebaut und verbreitert. Auch eine schöne Baumallee in der heutigen Lebacherstraße im Dorfteil „Mühlbach“ musste gerodet werden.


Die damaligen Veränderungen sorgten nicht nur für Begeisterung. Viele Menschen standen diesen Maßnahmen kritisch entgegen. Der Gemeinderat Dirmingen und der damalige Vorstand des Heimat -und Verkehrsvereins Dirmingen erkannten jedoch, dass sich unser Dorf verändern muss, wenn es zukunftsträchtig bleiben möchte. Natürlich können und dürfen wir mit Wehmut und Traurigkeit dem Abriss des historischen Bauerhauses nachschauen. Wir sollten jedoch schnellstmöglich die Tränen trocknen und nach vorne blicken. Endlich passiert etwas Gutes in unserem Heimatort. Endlich treten wir zumindest einer offenen Frage mit einer Antwort entgegen. Mit dem Neubau eines Nahversorgers gehen wir einen richtigen und wichtigen Schritt in die Zukunft. Gut so!
