Am Tag als der Regen kam – 10. Jahre nach dem Starkregenereignis in Dirmingen
10. Jahre nach der Starkregenkatastrophe, im Juni 2016, ist es an der Zeit zurückzublicken. Wenn man es so will, wurde mit dem Starkregenereignis in Dirmingen der Klimawandel erstmals vor der eigenen Haustür spürbar. Binnen weniger Tage wurde unser Heimatort von zwei Starkregenereignissen heimgesucht. Die Fluten verursachten im ganzen Dorf einen Millionenschaden. Binnen weniger Minuten ergoss sich ein Regen über Dirmingen, wie man ihn nie zuvor erlebt hatte. Die großen Wassermassen konnten von den trockenen Feldern nicht mehr aufgenommen werden und ganze Erdmassen drangen hinab in den Ort. Keller liefen voll, Gärten wurden zerstört und Straßen unterspült und stark beschädigt. Die Unterspülungen waren so massiv, dass mehrere Gebäude als einsturzgefährdet eingestuft wurden und evakuiert werden mussten. Einsatzkräfte wie die Feuerwehr, das THW, das DRK und etliche freiwillige Helfer waren tagelang im Dauereinsatz und arbeiteten bis zur absoluten Erschöpfung. Die schockierenden Ereignisse von damals sind bis heute präsent. Das Unwetter 2016 hat bis heute, 10 Jahre danach, tiefe Spuren in Dirmingen hinterlassen.
Von den Hügeln und Anhöhen kamen ganzen Feldern hinab ins Tal. Bis zum Abend hin mussten über 20 Container voll mit Geröll, Schlamm und Steinen aus der Ortsmitte transportiert werden. Ganze Bürgersteige und Parkplätze wurden von den Wassermassen weggerissen. Am frühen Abend erlangte Dirmingen einen traurigen Bekanntheitsgrad. In den Medien wurde bundesweit über das Starkregenereignis im Südwesten der Republik berichtet. In unserem kleinen Ort spielten sich ungeahnte Dramen ab. Menschen bangten plötzlich um ihre Existenz. Häuser waren einsturzgefährdet und nicht mehr bewohnbar. Schnell wurde uns bewusst, dass die Nachwirkungen dieses Starkregens noch lange in unserem Bewusstsein bleiben würden.

Überall herrschte Fassungslosigkeit und Chaos. Wir liefen damals wie traumatisiert durch die Straßen unseres Dorfes und konnten kaum glauben, was wir sahen. Menschen versuchten ihr Hab und Gut zu retten. Dieser Regen hatte alles verändert. Von überall her kamen Leute auf die Straßen und boten ihre Hilfe an. Jeder packte an und half seinem Nächsten so gut es ging. Es war erstaunlich. Nach dieser fürchterlichen Regenflut übergoss uns eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. In den Stunden nach dem Unwetter entstand tatsächlich ein neues „Wir-Gefühl“.
Persönliche Erinnerungen:
Am Dienstagabend, 07.Juni 2016 befand ich mich in meinem Büro. Mein Blick schweifte über meinen Computer hinaus auf die Straße. Es hatte sich zugezogen. Die Meteorologen sprachen von starken vereinzelten Regenfällen, die jedoch örtlich und nicht überall niederfallen sollten. Bereits 3 Tage vorher am 04.Juni 2016 ergoss sich ein Starkregen über Dirmingen. Für viele Bewohner des Ortsbereiches Mühlbach, Gänseberg, Höppesbüsch, Lebacherstraße und Thalexweilerstraße hatte bereits dieses Naturereignis verheerende Folgen. Viele Keller standen voll Wasser und die Feuerwehr aller Hände voll zu tun. Der besagte Dienstag, 07.Juni stellte jedoch alles vorher Dagewesene in den Schatten. Schon die ersten Regentropfen an diesem Dienstagnachmittag waren schlichtweg anders. Vom Himmel ergoss sich ein Fluss. Niemand in unserem Dorf hätte jemals damit gerechnet ein solches Naturereignis erleben zu müssen. Es war schlichtweg eine Katastrophe.

Als am 07. Juni erstmals die Sirene ertönten konnte noch niemand ahnen, dass unsere Feuerwehr zu einem Dauereinsatz ausrückt. Als die Sintflut endete, beschloss ich mir ein Bild von der Lage zu machen. Immerhin musste ich noch meine vom Starkregen weggespülte Papiertonne einsammeln gehen. Gottlob konnte ich mit Hilfe meiner beiden Stiefsöhne das Schlimmste in unserem Keller verhindern. Ich lief also in Richtung Borrwieshalle und traute meinen Augen nicht. Ein breiter, reißender Wasserstrom ergoss sich über die Urexweilerstraße hinab in Richtung Alsbach. Überall Wasser, Geröll und verzweifelte Menschen die ohnmächtig durch das kniehohe Nass schweiften. Ein Dorfbewohner kam mir kopfschüttelnd entgegen und sagte: „…das ist wie im Krieg, im Dorf sieht es schrecklich aus“.

Ich bewege mich in Richtung Ortsmitte, um mir selbst einen genauen Überblick zu verschaffen. Unbeschreiblich! Soweit das Auge blickte Geröll, Dreck und Wasser. Die Feuerwehr hatte nicht die Kapazität allen Notrufen zeitgleich gerecht werden. Schnell wurden Hilfskräfte aus den Nachbargemeinden angefordert. Im Dorf traf ich auf unseren Ortsvorsteher Manfred Klein. Gemeinsam liefen wir durch die Straßen und halfen dort, wo wir helfen konnten. Dies war keine große Heldentat. Irgendwie war jeder Dirminger oder Dirmingerin an diesem Abend unterwegs, um zu helfen. Nach dieser buchstäblichen Sintflut erreichte eine große Solidaritätswelle unser Dörfchen. Irgendwie erlebten wir gerade in diesen Tagen ein besonderes Miteinander und ein unbeschreibliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Überall wurde geschippt, gekehrt, gespült oder Gegenstände in Sicherheit gebracht. Fremde reichten Fremden ihre Hand und boten ihre Hilfe an. Auch Kinder und Jugendliche wanderten mit Schippe und Besen bewaffnet durch das Dorf und arbeiteten bis zur Erschöpfung. Als ich spät abends Nachhause kam und ins Bett fiel, konnte ich mich nur sehr schwer von den gesammelten Eindrücken befreien. Ich beschloss am nächsten Tag nicht zur Arbeit zugehen und lieber im Dorf den Menschen zu helfen.

Noch heute, zehn Jahre nach dem Naturereignis, wird mir mulmig, wenn der Wetterdienst Starkregen ankündigt. Viele Menschen verbinden bis heute schlimme Erinnerungen mit diesem schrecklichen Naturereignis. Fünf Häuser in der Thalexweilerstrasse wurden als einsturzgefährdet eingestuft. Die 16 Bewohner wurden evakuiert und mussten ihre Häuser verlassen. Unterstützung gab es beispielsweise von Baufirmen, die ihr Gerät und Personal zur Verfügung stellten, um die Geröll- und Schlammmassen zu beseitigen. Bis zum späten Abend wurden zahlreiche Container mit Schlamm, Geröll und Gegenständen abtransportiert. Vielleicht liegt darin der größte Verdienst unseres Ortsvorstehers Manfred Klein. Das Leid der Menschen lag ihm besonders am Herzen. Er fragte nicht nach Kostenrechnungen, sondern bestellte einfach in Eigeninitiative die notwendigen Container. Nach der ersten Bestandsaufnahme stellten die Behörden fest, dass ca.150 Häuser direkt von dem Unwetter betroffen oder beschädigt waren. Der Ortsrat wurde damit beauftragt die vorliegenden Spendengelder fair und gleichmäßig bei den Hilfsbedürftigen zu verteilen. Ich gehörte damals auch zu diesem Gremium. Wir haben uns diese Aufgabe nicht leicht gemacht und jede Entscheidung reiflich überlegt. Ich denke am Ende ist uns die Vereitlung der Spendengelder gut gelungen.

Soweit meine persönlichen Erinnerungen. Nachdem Unwetter wurde viel Geld in Prävention investiert. Das war gut, wichtig und richtig! Im August 2017 wurde eine Starkregenstudie, die sich mit dem Thema Starkregen und Sturzflut befasst, in Auftrag gegeben. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse wurden in Präventive Maßnahmen umgesetzt. Selbst den größten Kritikern dürfte aufgefallen sein, dass in den letzten Jahren viel in Präventivmaßnahmen investiert wurden. Das Unwetter hat, die damals schon vorhandenen überalterte Hochwasserschutzeinrichtungen auf dem Belker stark beschädigt. Die Dämme des alten Speicherbeckens wurden überspült und die Überlaufrinne weggerissen. Kurze Zeit später wurde das Speicherbecken ausgebaggert und das Speichervolumen deutlich vergrößert. Im Einlaufbereich des Beckens sorgt nun eine Schlamm- und Geröllbarriere dafür, dass zukünftig das Speichervolumen des Beckens bei einem Unwetter sicher erhalten bleibt. Auch das Projekt „Letschbach“ wurde erfolgreich saniert und umgesetzt. Die Wasserablaufrinne wurde saniert und vergrößert. Genauso wurden die Wasserablaufmöglichkeiten in der Urexweilerstrasse erneuert. Insgesamt wurden in Dirmingen mit Bundes – und Landesmitteln ca. 6,- Mio Euro in neue Rückhaltebecken und Abflussmöglichkeiten sowie in Sanierungsprojekte investiert.

Alles gut? Nicht ganz! Selbst die besten Präventivmaßnahmen können den Menschen nicht die Angst vor einem erneuten Starkregenereignis nehmen. Auch heute noch 10. Jahre später findet man Häuser die durch Sandsäcke abgesichert sind. „Gebranntes Kind, scheut das Feuer“. Wer in seinem Leben schonmal eine solche Sintflut erlebt hat und dadurch fast sein Gut und Haben verloren hat, wird bei einem Unwetter immer Angst bekommen. Was bleibt also von diesem 04. und 07. Juni 2016? Bestimmt die Erinnerung an einen schicksalhaften Tag mit viel Leid und Elend. Was bleibt, ist aber auch die Erinnerung an große Solidarität, ein großartiges Zusammengehörigkeitsgefühl und ein herausragendes Miteinander. Vielleicht waren wir Dirmingerinnen und Dirminger uns selten so nah wie während diesen schrecklichen Starkregenereignissen im Jahre 2016.

Liebe Leserin, lieber Leser und liebe echte Derminga, vieleicht habt auch ihr Lust, Laune und Muse eure persönlichen Erinnerungen zu hinterlassen. Bitte schreibt eure Geschichten und eure Erlebnisse rund um den 04./07.Juni 2016 in die Kommentare unter diesem Blog. Es wäre schön, wenn die Erinnerung an diese Naturkatastrophe für die nächste Generation erhalten bleibt.
Viele Grüße
Frank