Mit Blick auf die Mitgliederkartei der NSDAP – Die Suche nach der eigenen Identität
Heimat- und Familienforschung bedeutet für mich mehr als nur Namen, Daten und Jahreszahlen zusammenzutragen.
Es ist auch eine Suche nach der eigenen Identität. Wer waren meine Vorfahren? Wie haben sie gelebt? Und vor allem: Welche Entscheidungen haben sie in einer Zeit getroffen, die von Krieg, Diktatur und Angst geprägt war? Eine Frage hat mich dabei besonders umtreibt: Waren meine Vorfahren oder andere Familienmitglieder Mitglied in der NSDAP?
Millionen NSDAP-Karteikarten stehen seit dem Frühjahr dieses Jahres kostenlos online zur Verfügung. Dabei kann die persönliche Einsicht über das deutsche Bundesarchiv nachvollzogen werden. In Berlin-Lichterfelde liegen mehr als 12,7 Millionen Karteikarten aus dieser Ära. Wenn man Gewissheit, wenn man wissen möchte, welche Rolle die eigenen (Ur-)Großeltern im Dritten Reich spielten, ist weiterhin einige Anstrengungen nötig. So leicht sind die Akten nicht zu finden. Jährlich bekommt das Bundesarchiv mehr als 75.000 Anfragen zu den Bereichen Nationalsozialismus, Wehrmacht, NSDAP und Ähnlichen. Dabei sind die Behörden immer bemüht, die entsprechenden Schutzfristen und den Datenschutz einzuhalten.
Ich habe mich auf die Suche gemacht und habe die online einsehbaren Mitgliedsakten und Karteien der NSDAP durchsucht. Das Ergebnis für meine Familie ist eindeutig: Nein, kein Familienmitglied war Mitglied der NSDAP. Wirklich nicht oder lässt sich das nicht mehr eindeutig nachweisen? Letztlich bin ich von dieser Erkenntnis schon ein Stückweit beruhigt. Immerhin hat meine Familie in beiden Weltkriegen einen hohen Preis bezahlt. Zwei meiner Großväter sind gefallen, ein Urgroßvater ebenfalls. Eine Tante verlor ihr Leben. Ein weiteres Familienmitglied wurde eingesperrt und schließlich in einer Gaskammer ermordet. Immer wenn ich in irgendwelchen historischen Unterlagen aus dieser Zeit stöbere, wird mir bewusst, wie tief die deutsche Geschichte mit meiner eigenen Familie verbunden ist.

Ich verfüge über viele Bilder und Nachweise aus dieser Zeit. Ich habe mich schon vor Jahren dazu entschlossen, die wenigsten davon zu veröffentlichen. Ich werde auch keine Namen nennen oder veröffentlichen. Im Grunde geht es mir um etwas ganz anders. Ich beschäftige mich mit der Frage, wie es so weit kommen konnte. Mein Heimatort Dirmingen war im Zweiten Weltkrieg die meistbombardierte Landgemeinde im damaligen Kreis Ottweiler. Wenn ich mir heute die NSDAP-Mitgliedskartei anschaue, stoße ich auf viele Namen, die mir aus unserem Ort bekannt sind. Namen von Familien, die auch heute noch in Dirmingen existieren. Das allein ist längst kein Grund irgendjemand zu verurteilen. Jede Zeit hat ihre Geiseln.
Dennoch wirft diese Tatsache etliche Fragen auf. Was hat die Menschen damals dazu bewogen, Mitglied der NSDAP zu werden? Wussten sie nicht, was im nationalsozialistischen Deutschland geschah? Wussten sie nichts von der Verfolgung, der Entrechtung, den Konzentrationslagern und den Morden? Oder wussten viele Zeitgenossen mehr, als wir heute zu wissen glauben? Ich möchte niemanden verurteilen. Meine Generation war nicht dabei und es gehört sich nicht irgendjemanden zu verurteilen. Wir kennen die persönlichen Lebensumstände dieser Menschen nicht. Wir wissen nicht, welchen Druck sie erlebt haben, welche Ängste sie hatten, welche Hoffnungen sie hegten oder welche Gründe sie für ihre Entscheidungen hatten. Vielleicht fühlten sich manche Menschen gezwungen, vielleicht wollten sie berufliche Nachteile vermeiden, vielleicht glaubten sie an die damalige Ideologie – und vielleicht gab es auch Menschen, die bewusst überzeugte Nationalsozialisten waren.
Eine einfache Antwort wird es wahrscheinlich nicht geben.

Gerade deshalb finde ich es wichtig, hinzusehen und zu forschen. Nicht, um Schuld über Generationen weiterzugeben, sondern um zu verstehen. Unsere Geschichte darf nicht nur aus Zahlen und Fakten bestehen. Hinter jedem Namen in dieser Mitgliederkartei steht ein Mensch, eine Familie eine ganze Generation. Ein Mensch mit einer Familie, mit seinem Leben und mit Entscheidungen, deren Folgen oft weit über die eigene Lebenszeit hinausreichen.
Und heute? Wenn ich sehe, dass rechtsextreme und nationalsozialistische Ideen wieder lauter werden und Menschen mit einer solchen Gesinnung erneut in unsere Orts-Gemeinderäte, Landtage und den Bundestag gewählt werden, macht mir das große Sorgen. Ehrlichgesagt komme ich nur schlecht mit dieser Tatsache klar! Mit Blick auf meine eigene persönliche Familiengeschichte tut mir das weh und lässt mich eigentlich eher fassungslos zurück. Es kann mir doch niemand erzählen, die tatsächliche Gefahr hinter diesen Parteien nicht erkannt zu haben. Blindlinks mit dem Feuer oder in diesem Fall dem Faschismus zu spielen ist brandgefährlich. Es scheint, als wäre dass vielen Menschen, in Zeiten totaler Verrohung, völlig egal zu sein.

Wir haben erlebt, wohin Ausgrenzung, Hass, Menschenverachtung und Faschismus führen können. Familien wurden auseinandergerissen, Menschen verfolgt, eingesperrt und ermordet. Millionen Menschen verloren ihr Leben. Haben wir wirklich nichts aus der Geschichte gelernt? Es ist hier, hier in unserer Heimat. Die rechtsextreme Parteien rufen im Illtal zu Kundgebungen auf und ermutigen zu Widerstand.
Es gehört zu unseren Aufgaben, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, sondern uns mit ihr auseinanderzusetzen. Nicht aus Schuldzuweisung, sondern aus Verantwortung. Heimat -und Familienforschung kann bei der Suche nach den eigenen Wurzeln und der wahren Identität sehr hilfreich sein. Sie kann uns zeigen, wie schnell sich gesellschaftliche Verhältnisse verändern können – und wie wichtig es ist, aufmerksam zu bleiben.


Ich werde deshalb weiterforschen und nicht aufhören nach Antworten und Wahrheiten zu suchen. Ich möchte wissen, wer meine Vorfahren waren, wie sie diese Zeit erlebt haben und welche Geschichten hinter den Namen stehen. Wer war die Menschen, die vor uns in diesem Dorf lebten? Warum wurden sie Mitglied in der NSDAP und warum wählten sie den Krieg anstatt dem Frieden? Oder wurden unsere Vorfahren im Grunde überhaupt nicht gefragt?
Wer seine Vergangenheit kennt, kann vielleicht besser verstehen, was gerade um uns herum geschieht. Vielleicht gelingt es uns irgendwann die richtigen Schlüsse aus unserer Vergangenheit zu ziehen. Vielleicht erkennen wir irgendwann, das es böse enden kann, wenn wir unsere Geschichte vergessen. Ganz egal auf welchem Weg wir zum richtigen Entschluss kommen. Grundsätzlich geht es nur um eine klare Kante: Nie wieder !
