„Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ – Was wir von den „Old Boys“ lernen können!

Ich bin kein Freund davon, dass Heute schlechtzureden und nur in der Vergangenheit zu denken. Nein, früher war längst nicht alles besser, aber so manches. Die Zeiten haben sich verändert. Nicht nur der Sport, sondern auch das Leben in unseren Vereinen. Früher war das Training oder das Spiel nicht einfach vorbei, sobald das Trikot abgestreift wurde. Man blieb noch zusammensitzen und genoss, dass ein oder andere Kaltgetränk. Man saß im Vereinsheim, auf der Terrasse oder im Sommer am Lagerfeuer. Es wurde geredet, gelacht, diskutiert und manchmal bis spät in den Abend hinein musiziert. Aus diesen gemeinsamen Stunden entstand etwas, das heute immer schwieriger zu finden ist: eine echte Gemeinschaft.

Nach dem Training saßen wir bei einem Bier stundenlang zusammen, tauschten uns aus und sprachen über das Spiel, den Alltag oder einfach über Gott und die Welt. Irgendwann wurde die Gitarre herausgeholt und jeder sang mit. Manchmal entstanden daraus sogar neue Musikgruppen oder Bands. Freundschaften wurden geschlossen, Ideen entstanden und aus einzelnen Sportlern wurde eine Mannschaft – nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch daneben. So geschehen, auch beim SV Dirmingen!

Ich werde es nie vergessen: Nach dem Training waren unter der Woche mehr Leute im Sportheim als heutzutage in einer guten Gaststätte am Wochenende. Irgendwann zückte einer der „Alten Herren“ die Gitarre und sang alte Fußballlieder oder Wander- und Volkslieder. „Elf Spieler müsst ihr sein, um Siege zu erringen!“ Wir waren nicht immer gute Spieler, meine Wenigkeit schon mal überhaupt nicht, aber wir waren treue Kameraden und liebten den Fußball.

Genau dieses Miteinander hat ein Vereinsleben früher so besonders gemacht. So wie im Fußball wird es sich in anderen Sportarten zum Beispiel beim Handball auch zugetragen haben. Man kannte nicht nur den Spieler oder die Spielerin im Training, sondern auch die Menschen dahinter. Man wusste, wer gerade Sorgen hatte, wer Geburtstag feierte, wer Hilfe brauchte oder wer einfach jemanden zum Reden suchte. Die Mannschaft wurde zu einer Gemeinschaft und der Verein zu einem Stück Heimat.

Auch mein Heimatverein, der SV Dirmingen, suchte früh nach Lösungen das eigene Vereinsleben aufzuwerten. Das gemeinsame Musizieren rückte irgendwann immer mehr in den Vordergrund. Irgendwann brauchte der Verein für die eigenen Veranstaltung eine geeignete Band oder Gruppe, die das Fest mit Live-Musik versorgte. Innerhalb der „Alten Herren – Abteilung“. Im Jahre 1990 gründete sich in der AH- Abteilung eine kleine Musikgruppe, die auf verschiedenen Festen musizierte. Die Gruppe nannte sich zunächst „Amigos los Antiquos“. Etwas später änderte die Band ihren Namen in „Old Boys“. Alles begann auf einem AH- Turnier und dem Vereinsjubiläum und endete irgendwann in den großen Hallen. Mit bekannten Oldies bespielte die Band am Ende sogar die Borrwieshalle in Dirmingen oder die Hirschberghalle in Bubach/Calmeweiler mit ihren damals bekannten “Oldie- Abenden“.

Zu der Ur-Besetzung der Old-Boys gehörten: Hans- Peter Hoffmann (Gitarre), der damals als AH -Leiter Verantwortung trug, Bert Stürmer (Gitarre), der viele Jahre als SVD- Vorsitzender agierte, Christoph Ehwein (Bass), der zu den erfahrensten Musikern gehörte, Dieter Hindorf (Gesang), der als Jugendleiterin des Vereins agierte, Lothar Keller (Gesang), der als aktiver Spieler immer den richtigen Ton fand und Werner Hell (Orgel), der über seine Freundschaft zu einzelnen Bandmitgliedern zum festen Bestandteil der Old Boys wurde. Im Grunde legten die Old Boys zu ihrer Zeit eine steile Karriere an den Tag. Aus ehemaligen Fußballern wurden binnen weniger Jahre eine gute Band, die es verstand mit ihrer Performance ganze Hallen zu füllen. Dabei legten die Old Boys ihren musikalischen Schwerpunkt auf die Hits der 50er, 60er und 70er Jahre. Irgendwann wurde sogar eine CD veröffentlicht auf der die Old Boys mit „Mein Eppelborn“ einen eigenen Song herausbrachten.

Ich habe die Old Boys immer bewundert. Der Band ist es gelungen die Erfahrungen und Gemeinsamkeiten, die der Fußball mit sich brachte, mitzunehmen und etwas Neues daraus zu machen. Was bei dem SVD die Old Boys waren, gelang dem TVD schon einige Jahre früher mit der Gruppe Rastlos. Der Sport hat Verbindungen geschaffen und Freundschaften geformt. Aus „Elf Spielern müsst ihr sein, um Siege zu erringen“ wurden gestandene Musiker mit einer neuen Intention.  

Heute ist vieles anders. Nach dem Training schaut jeder auf die Uhr, steigt ins Auto und fährt nach Hause. Jeder hat seinen eigenen Terminkalender, seine Verpflichtungen und seine Freizeitaktivitäten. Das Leben ist schneller geworden und die Möglichkeiten sind vielfältiger. Das ist nicht grundsätzlich schlecht – aber es verändert das Vereinsleben. Früher wurde nach dem Training oder dem Spiel noch Stunden gemeinsam gefeiert oder diskutiert. Heute endet die sportliche Zweck- Gemeinschaft oft mit dem Abpfiff. Jeder macht sein Ding. Der eine muss noch arbeiten, der nächste nach Hause, andere haben bereits den nächsten Termin. Und so wird es immer schwieriger, dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit aufrechtzuerhalten. Der Verein leidet in der Regel unter dieser Entwicklung. Nicht zuletzt verliert der Verein nicht nur das notwendige Identifikationsmittel, sondern auch den dringend notwendigen Umsatz im Sportheim.

Dabei entsteht Vereinsleben nicht nur im Training und bei den Wettkämpfen. Vereinsleben entsteht vor allem in den Stunden dazwischen oder danach: beim gemeinsamen Essen, beim Gespräch nach dem Training, beim Musizieren, am Lagerfeuer oder bei einer spontanen Diskussion, die eigentlich gar nichts mit dem Sport zu tun hat. Alles das, ging in den letzten Jahren zusehends verloren. Mit dieser Entwicklung geht auch der eigene Nachwuchs den Bach herunter. Wie soll es unter diesen Umständen gelingen Kinder und Jugendliche an den Verein zu binden. Früher bot die vereinseigene Jugendarbeit auch immer eine Art Lebensschule.

Vielleicht sollten wir wieder stärker daran erinnern, was einen Verein wirklich ausmacht. Nicht nur Leistung, Tabellenplätze und Ergebnisse, sondern die Menschen, die dahinterstehen. Das gemeinsame Lachen. Die Gespräche. Die Freundschaften. Die Erinnerungen, die bleiben, lange nachdem das Spiel vorbei ist. Ich erinnere mich heute kaum noch an einen großartigen Sieg oder eine herbe Niederlage. Ich erinnere mich aber sehr wohl an viele schöne gemeinsame Stunden in Freundschaft und Gemeinsamkeit. Die Gabe sich mit einem Verein zu identifizieren und dessen Vereinsfarben oder das Wappen stolz auf der Brust zu tragen, geht uns zusehends mehr verloren. Wo ist der Spieler oder die Spielerin, die trotz ihres großen Talentes im Heimatverein bleiben und mithelfen das große Ganze am Laufen zu halten. Heute verlassen Spielerinnen und Spieler schon im Kleinjugendbereich ihren Heimatverein. Da vertrocknen die eigenen Wurzeln schneller als man denkt. Wie sollen wir unter diesen Umständen neue Vereinsvorsitzende, Jugendleiter, Organisationsleiter oder Besitzer in den Vereinen finden?

Früher entstanden am Lagerfeuer oder im Sportheim neue Ideen, neue Gruppen und manchmal sogar ganze Abteilungen oder sogar Bands und Muskgruppen. Menschen haben gemeinsam etwas auf die Beine gestellt, weil sie Zeit miteinander verbracht haben und weil sie sich miteinander verbunden fühlten. Heute brauchen wir vielleicht wieder mehr von diesem Gedanken: Nicht nur gemeinsam Sport treiben, sondern auch gemeinsam Zeit verbringen. Die „Old Boys“ haben uns gezeigt, wie es funktionieren kann: Ein Verein lebt nicht allein vom Sport. Ein Verein lebt von seinen Menschen. Wenn unsere Spielerinnen und Spieler auch weiterhin nach dem Training oder dem Spiel sofort nach Hause gehen, verlieren wir vielleicht irgendwann genau das, was einen Verein zu etwas Besonderem macht: das Miteinander, die Zusammengehörigkeit und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft und Teil eines Vereins zu sein.

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