Wenn der Herbst über das Land zieht – alte Traditionen mit Rommelkepp bewahren und weitergeben
„Der Herbst zieht über das Land“ – und mit ihm kommen Erinnerungen an unsere eigene Kinderzeit zurück. Eine Zeit, in der der Jahreslauf noch viel stärker von der Natur, der Ernte und den gemeinsamen Traditionen geprägt wurde. Vielleicht klingt den Älteren unter uns noch ein bekanntes altes Volkslied im Ohr: „Theo, spann den Wagen an“. Ein Lied aus einer Zeit, in der Kinder es noch selbstverständlich erleben konnten, was Erntezeit, Feldarbeit und gemeinsames Anpacken bedeuteten. Die Zeiten haben sich verändert und wir haben die Verantwortung unseren Kindern die alten Traditionen weiterzugeben. Wenn wir das nicht tun, werden diese alten Bräuche und Sitten aussterben.
Gerade im Herbst gibt es so viel zu entdecken und weiterzugeben. In Dirmingen lebt eine dieser schönen Traditionen seit vielen Jahren weiter: das Rommelbootze-Schnitzen. Statt nur Kürbisse für Halloween auszuhöhlen, werden dabei alte Futterrüben – die „Rommel“ – geschnitzt. Aus den einfachen Rüben entstehen mit viel Fantasie lustige Gesichter, gruselige Fratzen und kleine Kunstwerke.
Der Schulverein Dirmingen hat auch in diesem Jahr Kinder und ihre Eltern zum gemeinsamen Rommelbootze-Schnitzen eingeladen. Natürlich habe ich als Ortsvorsteher diese Veranstaltung auch diesmal aktiv unterstützt. Bei Rostwürsten und kühlen Getränken wurde geschnitzt, gelacht und erzählt. Kinder sitzen gemeinsam mit ihren Eltern an den Rüben – draußen, mitten in der herbstlichen Natur. Der kleine Platz hinter der Borrwieshalle bietet dafür eine optimale Fläche. Dabei entsteht jedesmal eine wunderschöne, idyllische und harmonische Atmosphäre.


Und genau darum geht es: Traditionen dürfen nicht einfach verschwinden. Kinder sollen erfahren, wie die Menschen früher gelebt haben. Sie sollen wissen, was eine Erntezeit bedeutet, wo unsere Lebensmittel herkommen und welche Bräuche über Generationen weitergegeben wurden. Tradition ist dabei nicht etwas Verstaubtes. Sie kann lebendig sein, wenn wir sie gemeinsam mit unseren Kindern erleben. Wir müssen bereit sein Natur zu erleben und zu genießen. Eine gewisse Authenzität spielt dabei eine gewichtige Rolle.
Der Herbst selbst bietet dafür den schönsten Rahmen. Es ist die Zeit des Erntedanks, der abgeernteten Felder, der Äpfel, Kartoffeln und Rüben. In Dirmingen wurde früher zur Erntezeit gekeltert und Apfelsaft hergestellt. Die Kelteranlage ist noch vorhanden – ein Stück Geschichte, das darauf wartet, wieder mit Leben gefüllt zu werden. Was heute leider fehlt, sind Menschen, die sich ehrenamtlich für solche Aktionen einsetzen. In diesem Jahr fällt das Keltern erstmals wegen Personalmangels aus. Schade !


Dabei könnte man sich so vieles vorstellen: gemeinsam Äpfel keltern, frischen Apfelsaft herstellen, den Herbst erleben, vielleicht eine kleine Weinprobe veranstalten, Federweißer und Flammkuchen genießen und miteinander ins Gespräch kommen. Auch die Kartoffel gehört zu diesen Erinnerungen. Früher wurden Kartoffeln über dem offenen Feuer zubereitet. Für Kinder von heute wäre es etwas Besonderes, einmal selbst zu erleben, wie aus einfachen Zutaten und mit gemeinsamer Arbeit etwas Leckeres entsteht. Natürlich hat sich unsere Welt verändert. Heute gehören Kürbisse, Halloween und schaurig-schöne Verkleidungen für viele Kinder ganz selbstverständlich zum Herbst. Die Kinder lieben Halloween – und das darf auch so sein. Als evangelischer Christ gehört für mich allerdings ebenso der Reformationstag zum Herbst und zu unserer Kultur.
Vielleicht müssen wir das Alte und das Neue deshalb gar nicht gegeneinanderstellen.
Wir können unseren Kindern Halloween ermöglichen – und ihnen gleichzeitig zeigen, wie unsere Großeltern den Herbst erlebt haben. Wir können Kürbisse schnitzen – und ebenso Rommelbootze. Wir können Halloween feiern – und über den Reformationstag sprechen. Wir können moderne Feste genießen – und gleichzeitig alte Lieder singen, Äpfel keltern, Laxem kochen, Kartoffeln am Feuer zubereiten und gemeinsam Erntedank feiern. Unsere Traditionen leben nicht nur davon, dass man über sie spricht und erzählt.


Traditonen leben davon, dass man sie gemeinsam erlebt. Wenn Kinder mit ihren Eltern an einer Rübe sitzen, wenn die Hände nach Erde riechen, wenn das Messer vorsichtig die ersten Konturen in die Rommel schneidet, wenn am Ende kleine leuchtende Gesichter entstehen und alle gemeinsam am Tisch sitzen – dann wird Geschichte, unsere Geschichte lebendig. Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe: unseren Kindern Wurzeln zu geben, ohne ihnen die Zukunft zu nehmen.


Der Herbst ist eine wunderschöne Zeit. Eine Zeit der Ernte. Eine Zeit des Dankes. Eine Zeit des Erinnerns. Und eine Zeit, in der wir unseren Kindern zeigen können, woher wir kommen und welche Geschichten unsere Heimat erzählt. Es ist immer dass, was man daraus macht ! Wenn wir darüber, reden, es weitergeben, die alten Lieder singen und alte Bräuche aufleben lassen, werden unsere Traditionen und unsere Kultur weiterleben. Wir brauchen den Mut uns selbst einzubringen und unsere Werte weiterzugeben. Mit dem jährlichen Rommelbootzeschnitzen in Dirmingen ist schon vieles gewonnen.
