Eine Kirmes ohne Schausteller und Kirmesbetreiber ? – Unsere „Kerb“ steht vor einer ungewissen Zukunft – Wie können wir die Zukunft gestalten ?
Eine Kirmes ist mehr als ein paar Fahrgeschäfte, ein Festzelt und Musik. Sie ist Heimat, Tradition, Begegnung und ein Stück gelebte Dorfgeschichte. Doch genau dieses Stück Heimat ist in den letzten Jahren vielerorts verloren gegangen. Auch in Dirmingen droht eine gewisse Gefahr. Wir müssen mächtig aufpassen und dem negativen Trend entgegenwirken. In den vergangenen Jahren wurden um uns herum immer mehr dörfliche Kirmessen abgesagt. Der Grund liegt schlichtweg in der Tatsache, dass nicht mehr genügend Schausteller zu finden sind. Was früher selbstverständlich zum Dorfleben gehörte, wird heute zunehmend zu einer Herausforderung. Und wir müssen uns ehrlich fragen: Wie lange wird es unsere traditionelle Dorfkirmes noch geben, wenn sich die Entwicklung in dieser Form fortsetzt? Wehret den Anfängen. Ich bin nicht dafür bekannt schwarz zu malen, ohne einen gewissen Optimismus kommt man nicht gut durch das Leben. Dennoch müssen wir höllisch aufpassen und neue Ansätze und Ideen aufsuchen.
Die Gründe für das Dorfkirmessterben sind vielfältig. Die Kosten für die Schausteller sind enorm gestiegen. Benzin, Transport, Personal, Energie, Wartung und der gesamte Aufbau eines Fahrgeschäftes verursachen hohe Ausgaben. Ein Wochenende auf einer Dorfkirmes bedeutet für die Schausteller einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Dieser Aufwand muss sich am Ende auch wirtschaftlich rechnen. Denn so sehr die Schausteller ihre Arbeit auch mögen: Von Tradition allein können sie nicht leben.
Eine Kirmes kann nur dann bestehen, wenn sie sich auch für diejenigen lohnt, die sie mit Leben füllen. Das heißt, wir brauchen Menschen und vor allen Dingen Kinder und Familien, die sich auf dem Kirmesplatz einfinden und die Fahrgeschäfte nutzen. Das wiederum ist auch für die Familien kein leichtes Unterfangen. Das Leben ist teurer geworden und die Menschen schauen sich genau an, wo sie ihr schwerverdientes Geld ausgeben.


Gleichzeitig verändert sich unser Freizeitverhalten. Immer mehr Familien entscheiden sich für große Freizeitparks, während das Geld, das früher ganz selbstverständlich auf der örtlichen Kirmes ausgegeben wurde, heute an anderer Stelle landet. Natürlich ist das nachvollziehbar. Doch wir müssen uns bewusst machen, dass jede Entscheidung auch Folgen hat. Wenn wir unsere Kirmes erhalten möchten, müssen wir bereit sein, sie nicht nur schön zu finden, sondern sie auch aktiv zu unterstützen.
Keine Frage: Auch in Dirmingen wird es immer schwieriger einen Festplatz mit Schausteller auf die Beine zu stellen. Als Ortsvorsteher wird mir diese Entwicklung jährlich vor Auge geführt. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, Schausteller für unsere Kirmes zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, den Weg zu uns anzutreten. Gerade angesichts der stetig steigenden Kosten wird die Entscheidung für oder gegen eine kleinere Dorfkirmes zunehmend zu einer wirtschaftlichen Angelegenheit.
Dabei geben wir uns in Dirmingen große Mühe, unseren Besucherinnen und Besuchern etwas zu bieten. Gemeinsam mit unserem Kulturverein und den Ortsvereinen gestalten wir ein großartiges Programm mit einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm. Wir möchten Menschen zusammenbringen, Geselligkeit ermöglichen und unsere Kirmestradition lebendig halten. Dafür investieren ehrenamtliche Mitstreiterinnen und Mitstreiter viel Liebe zum Detail. Die „Kerb“ ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil unserer Dorfkultur und unseres Jahreskalenders. Doch auch das beste Programm und die größten Anstrengungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schausteller mit ihren Geschäften Geld verdienen müssen. Ein schönes Fest allein reicht nicht aus, wenn am Ende die Einnahmen fehlen, um die Kosten zu decken. Wir befinden uns in einer gewissen Zwickmühle und müssen dringend nach neuen Lösungen suchen.

Ja, wir werden auch in diesem Jahr wieder Schausteller auf unserem Festplatz haben. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn man sich umschaut und auf andere Dörfer blickt, bekommt man einen Eindruck davon, wie schwer es ist Schausteller zu bekommen. Man benötigt einen langen Atem, starke Nerven und eine gewisse Beharrlichkeit und Ausdauer.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit folgender Frage: Was können wir als Veranstalter, als Gemeinde und vor allem als Besucherinnen und Besucher tun, damit sich die Teilnahme für die Schausteller wieder mehr lohnt?
Vielleicht beginnt es schon mit einem einfachen Gedanken: Wenn wir möchten, dass unsere Kinder auch in Zukunft Karussell fahren, dass der Duft gebrannter Mandeln über den Festplatz zieht und dass sich unser Dorf für ein paar Tage in einen lebendigen Treffpunkt verwandelt, dann müssen wir dieses Angebot auch nutzen. Ein Besuch auf der Kirmes, eine Fahrt mehr mit dem Karussell, eine Portion Pommes oder ein Getränk am Stand – all das kann dazu beitragen, dass sich der Einsatz der Schausteller rechnet. Dabei geht nicht darum, Familien vorzuschreiben, wie sie ihr Geld ausgeben sollen. Es geht darum, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass unsere Entscheidungen darüber mitbestimmen, welche Angebote vor Ort eine Zukunft haben.

Ich weiß, es sind harte Zeiten. Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen und mehr auf unser Geld achten. Genauso geht es aber auch unseren Schaustellern und Kirmesbetreibern. Guter Rat ist teuer!
Müssen wir unsere Kirmes neu denken? Vielleicht ist es an der Zeit, über neue Wege nachzudenken. Müssen wir unsere Kirmes verändern, um sie langfristig zu erhalten? Braucht es neue Ideen oder vielmehr ein anderes Veranstaltungskonzept? Könnte eine Dorfkirmes der Zukunft anders aussehen als die Kirmes, die wir von früher kennen? Vielleicht mit neuen Veranstaltungsformaten, besonderen Familienangeboten, Themenabenden, regionalen Märkten oder einer stärkeren Einbindung unserer Vereine. Einen Teil von diesen Ansätzen werden heute schon in unserem Dörfchen umgesetzt. Vielleicht müssen wir auch überlegen, wie wir Besucherinnen und Besucher über das gesamte Wochenende hinweg auf den Festplatz locken und dafür sorgen können, dass sich ein Engagement für die Schausteller besser kalkulieren lässt.
Dabei darf eines nicht verloren gehen: der Charakter unserer Dorfkirmes. Sie soll kein beliebiges Event werden, sondern ein Fest, das unsere Gemeinschaft widerspiegelt, Menschen zusammenbringt und unsere Dorfkultur wiedergibt. Wir müssen offen für Veränderungen sein. Denn Tradition bedeutet nicht, alles für immer so zu machen wie früher. Tradition bedeutet auch, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sie morgen noch gelebt werden kann. Es ist unsere Aufgabe mit der vorhandenen Tradition umzugehen und diese zukunftsfähig zu gestalten.

Eine Kirmes ohne Schausteller – ist das überhaupt vorstellbar? Was wäre unsere Kirmes ohne Fahrgeschäfte? Ohne Kinder, die voller Begeisterung auf das nächste Karussell warten? Ohne das bunte Treiben, Popcorn, Mandeln, Lichter und die vertrauten Geräusche eines Festplatzes? Natürlich kann es auch ohne Schausteller ein Dorffest mit Musik, Kultur und Begegnungen geben. Aber wäre es dann noch die Kirmes, die wir kennen und lieben? Oder müssten wir irgendwann akzeptieren, dass sich unsere Kirmestradition grundlegend verändert hat, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine andere Möglichkeit mehr lassen?
Ich weiß, dass dieses unbequeme Thema gerne zur Seite geschoben wird. Ich befürchte jedoch, dass wir uns dieser Thematik in Zukunft stärker stellen sollten, bevor es zu spät ist. Nein, ich möchte wahrhaftig nicht schwarzmalen. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass die nächsten Jahre eher schwerer als leichter werden.
Wenn unsere Kirmes erst einmal verschwunden ist, lässt sie sich nicht einfach auf Knopfdruck zurückholen. Wenn Schausteller ihre Touren verändern, ihre Geschäfte aufgeben oder kleinere Veranstaltungen aus wirtschaftlichen Gründen meiden, verlieren wir möglicherweise mehr als nur ein paar Tage Unterhaltung. Wir verlieren ein Stück Gemeinschaft, Kulturgut und ein Stück unserer regionalen „Derminga“ Identität.

Die Zukunft unserer Kirmes steht tatsächlich auf dem Spiel. Ich bin überzeugt davon, dass wir die Zukunft unserer Dorfkirmes nicht allein den Veranstaltern, den Vereinen oder den Schaustellern überlassen dürfen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. Wir müssen verstehen, welche Bedingungen Schausteller brauchen, damit sich ein Engagement auch auf einer kleineren Kirmes lohnt. Wir müssen neue Ideen entwickeln, Besucher gezielt ansprechen und unsere Kirmes als das begreifen, was sie ist: ein Gemeinschaftsprojekt, das nur funktioniert, wenn viele ihren Teil dazu beitragen. Wir waren immer und sind auch weiterhin von Helfern, Gönnern und Sponsoren abhängig.
Vielleicht liegt die Zukunft in einer Mischung aus bewährter Tradition und neuen Konzepten. Vielleicht müssen wir unser Programm stärker auf die Bedürfnisse der Besucher und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Schausteller abstimmen. Wie aber soll das genau funktionieren ? Vielleicht müssen wir alle wieder lernen, dass ein attraktives Angebot vor der eigenen Haustür nur dann bestehen kann, wenn wir es auch annehmen. Es gibt nicht die eine gute Lösung, wir benötigen viele neue Ansätze. Mitdenken und mitmachen ist angesagt !
Eine Kirmes lebt nicht allein von Fahrgeschäften, Musik und einem guten Programm. Sie lebt von den Menschen, die sie besuchen, von den Schaustellern, die sie möglich machen, und von einer Gemeinschaft, die bereit ist, ihre Traditionen zu bewahren. Ich möchte ich eine offene Diskussion anstoßen:
- Wie können wir unsere Dorfkirmes für Schausteller wirtschaftlich attraktiver machen?
- Wie können wir mehr Besucherinnen und Besucher dazu bewegen, das Angebot vor Ort zu nutzen?
- Brauchen wir neue Ideen und Veranstaltungsformate, um unsere Kirmes zukunftsfähig zu gestalten?
- Müssen wir uns von manchen traditionellen Vorstellungen verabschieden, um den Kern unserer Kirmes zu bewahren?
- Und ganz grundsätzlich: Ist eine Kirmes ohne Schausteller überhaupt noch eine Kirmes?
Vielleicht können wir während der diesjährigen 280 „Derminga Kerb“ bei einem „Kerwe-Bier“ darüber reden oder diskutieren. Ich wünsche mir, dass wir diese Fragen gemeinsam erörtern – ehrlich, konstruktiv und mit dem Willen, Lösungen zu finden. Genau dass sind wir unserem Heimatort und den Menschen die viel Herzblut investieren schuldig. Unsere Kirmes ist kein Selbstläufer. Sie ist ein Stück Heimat, das wir verlieren können, wenn wir es nicht gemeinsam schützen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie wir unsere Kirmes in diesem Jahr organisieren. Die entscheidende Frage lautet: Was sind wir bereit zu tun, damit es unsere Kirmes auch in zehn oder zwanzig Jahren noch gibt?
