Nicht majestätisch, groß, gigantisch und prachtvoll, sondern vielmehr schlicht, bescheiden, gewöhnlich und bodenständig. Wie selbstverständlich nehmen wir täglich ohne Beachtung unseren Weg an ihm vorbei. Irgendwie war er schon immer da und hat die Geschichte unseres Dorfes mit geschrieben. Er ist Teil unserer Identität und unseres Lebens. Schon als Kind haben wir an ihm hoch gesehen. Irgendwie begleitet er uns seit Kindesbeinen. Mittlerweile steht er schon über 750 Jahren an seiner Stelle in der Ortsmitte. Er hat Krieg, Elend, Not, Leid, Freude, Jubel und Euphorie gesehen. Er ist Wahrzeichen und fester Bestandteil unseres Dorfes. Um ihn ranken sich Mythen, Legenden und Geschichten. Vermutlich stand er schon an seinem Platz, als unser Dorf noch nicht seinen heutigen Namen trug. Er ist Heimat, Stolz und Identität.

Er ist: Der Turm

Historische Aufnahme vor dem 2. Weltkrieg

Den historischen Quellen zufolge soll bereits an der Stelle, an der heute die evangelische Kirche steht im Jahre 1225 eine Kirche gestanden haben. Wie unser Dorf damals genau genannt wurde ist heute nicht mehr festzustellen. Nachweislich nannte man unser Dorf zum Zeitpunkt der ersten urkundlichen Erwähnung, im Jahre 1281, Diermanges. Etwas später im Jahre 1296 wurde unser Heimatort Dyrmendingas genannt. Mit den sich ständig veränderten Sprachformen änderte sich auch der Ortsname. Im Jahre 1337 wurde unser Dorf Dörmingen und im Jahre 1452 Diermingen genannt. Immerhin veränderte sich unser Ortsname im Mittelalter in die uns heute bekannte Richtung. Im Jahre 1467 trug das Dorf den Ortsnamen Diermeringen und im Jahre 1471 Dyrmingen. Gemeint war letztlich immer das Gleiche Dorf. Der Ortsname Dirmingen leitet sich von dem angelsächsischen „Deormund“ ab, was so viel heißt wie „Tiermund“.

Im 8 Jahrhundert begann mit der Christianisierung in unserem Heimatland die Zeit der Kapellen und Kirchenbauten. Wann jedoch genau erstmals eine Kirche in Dirmingen erbaut wurde lässt sich heute nicht mehr feststellen. Einer historischen Niederschrift zufolge soll vor dem heutigen Kirchenbau eine St. Michaelskapelle auf einer Anhöhe im Mündungsgebiet des Alsbaches mit der Illbach gestanden haben.War dies der Vorgängerbau unserer heutigen Kirche ? Die vorliegenden historischen Niederschriften lassen darauf schließen, dass vielleicht schon viel früher als vermutet ein Kirchenbau in Dirmingen existierte. Der Überlieferung zufolge wurde im 11. Jahrhundert aus der schlichten Kapelle eine Kirche gemacht. Diese erste Dirminger Kirche, mit unserem alten historischen Turm, wurde der heiligen Katharina geweiht. Bis zum Neubau der Kirche im Jahre 1746 befand sich auf der Dorfseite des Turms das sogenannte Katharinenkreuz. Während des Kirchenneubaus 1746 wurde das alte Monument mit Putz überzogen. Wie dem auch sei, Fakt ist, dass in einem alten Diözesanverzeichnis aus dem Jahre 1075 eine römisch-katholische St. Katharinagemeinde in unserer Heimatgegend existierte.

Kirchenglocken

Am 28.Dezember 1281 wird Dirmingen erstmals urkundlich erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt stand nachweislich schon eine kleine Kirche am Zusammenfluss von Ill – und Alsbach. Im Jahre 1575 führte die Grafschaft Nassau-Saarbrücken die Reformation in der Herrschaft Ottweiler ein. Das ehemalige katholische Kirchenhaus, in unserer Dorfmitte, wurde Evangelisch. Der Turm der Kirche hatte zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre auf dem Buckel. Nachweislich stammt der Turm unserer Kirche aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der unterste Teil des Turms, bis unterhalb der Kirchenuhr, ist somit das älteste Gemäuer unseres Dorfes. Als das Kirchenschiff im Jahre 1746 neu erbaut wurde hat man den alten Turm erhalten und saniert.

Die vier Geschosse des alten Kirchturms sind durch einfache Schräge abgesetzt. Die ehemalige romanische Schallhaube erhielt ein Profil aus Platte und Schmiege. Unmittelbar über den alten Geschossen wurde das im Jahre 1746 errichtete Stockwerk mit rundbogigen geschlossenen Schallöffnungen angefügt. Der oberste und jüngste Teil des Turms trägt eine sogenannte welsche Haube mit Zwiebelaufsatz. Im inneren des Turms befindet sich im Untergeschoss ein Kreuzgewölbe. Im oberen Teil des Turms finden sich noch heute die vermauerten Schallöffnungen aus dem 13. Jahrhundert. In der Glockenstube der evangelischen Kirche hängen vier Glocken in den Tönen g- b- c- d. Diese wurden von der Firma Palcard in Annecy in Frankreich gegossen. Am 20. September 1953 wurden die Glocken feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Die heutige Kirchenuhr stammt aus dem Jahre 1967. Ich persönlich hatte schon so einige mal das Glück und durfte im inneren des Turms den Aufstieg bis hin zum Dachgeschoss wagen. Zugegeben, der Aufstieg ist schon etwas beschwerlich vielleicht sogar gefährlich und gleicht einem kleinen Abenteuer. Für mich ist der Aufenthalt im Turm inneren jedoch immer noch eine emotionale Angelegenheit. Was hat dieses Gemäuer nicht schon alles erlebt ?

Der Turm

Wenn man unsere Kirche betritt und einen Moment im Eingangsbereich des Turmes verweilt kann man sich gut vorstellen was dieses Gemäuer schon alles durchgemacht hat. Im 30-jährigen Krieg wurden vielerorts Kirchen zerstört und Gemeinden aufgerieben. Unsere Kirche mit ihrem Turm blieb erhalten. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche baufällig und musste gesperrt werden. Für die Menschen begann eine Zeit des Hoffens und Bangens. Nach der Zusage des Fürsten konnte die Kirche 1746 neu erbaut werden. Der erste Weltkrieg kam mit seinem Schrecken und zahlreichen Toten. Im zweiten Weltkrieg schliefen Flüchtlinge im Kirchschiff und suchten Schutz vor den Kriegswirren. Insgesamt 25 Luftangriffe hat die Kirche und somit auch ihr Turm überstanden. Der Turm steht noch heute und erinnert uns täglich daran, dass alles im Leben seine Zeit hat und das Beständigkeit und Beharrlichkeit einen Sinn ergeben. Der Turm ist ein Teil unserer Identität und unserer Heimat. Leider gibt es in Dirmingen nicht soviel auf das wir Stolz sein können. Wir haben keine prachtvollen Gebäude oder erfolgreiche Geschäftsstraßen.

Auf der Suche nach der eigenen Identität gibt es nicht vieles was wir finden können. Täglich gehen wir achtlos an unserem Turm vorbei und nehmen dies als Selbstverständlichkeit hin. Dabei ist der Turm viel mehr als nur ein Teil eines Kirchengebäudes. Der Turm ist ein Teil unserer Geschichte. Der Turm ist Dirmingen!  

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