Das Wunder um den Tabernakel am Schicksalstag der Dirminger Katholiken

Nach der Reformation hatten es die wenigen Katholiken in Dirmingen sehr schwer wieder Fuß zu fassen. Die ersten katholischen Christen kamen aus der Schweiz in das beschauliche Saargebiet. Im Jahre 1892 wurde auf Anregung von Wilhelm Riehm ein Dirminger Kirchbauverein gegründet. Die Anzahl der Katholiken in unserem Dorf war zu diesem Zeitpunkt ansteigend. Im Frühjahr des Jahres 1911 begannen die Bauarbeiten zum Bau einer ersten eigenen Kirche auf dem Rotenberg. Schon am 19. April 1912 wurde in der neuerbauten Kirche die erste heilige Messe gehalten.

Mit dem Kirchenbau entwickelte sich das Bestreben der ortsansässigen Katholiken nach einer eigenen Gemeinde. Am 27. November 1920 wurde der ehrwürdige Pastor Didas als Expositus (Geistlicher) von Dirmingen eingeführt. Nur kurze Zeit später am 21. April 1921 fand seine Ernennung zum Pfarrverwalter von Dirmingen statt. Am 18. Dezember 1922 wurde ein Antrag auf Errichtung einer Pfarrei in Dirmingen eingereicht. Erst im Juli 1925 erfüllte sich der Traum der Dirminger Katholiken. Pastor Didas wurde in sein Amt als Pfarrer der Pfarrei St. Wendalinus in Dirmingen eingeführt. Die offizielle Einweihung der Pfarrei St. Wendalinus fand am 17. August 1925 in Dirmingen statt.

Bis zum Kriegsbeginn im Jahre 1939 wuchs die junge Gemeinde zu einer festen Größe an. Während des Krieges suchten die katholischen Christen gerne Zuflucht in ihrer Kirche. Mehrmals in der Woche wurden Andachten angesetzt. Die Gemeinde fand Trost und Zuflucht in ihrem Glauben.

Ehemalige katholische Kirche Dirmingen erbaut 1911

So wird in unserer Dorfchronik berichtet, dass auch am 21 Februar 1945 für abends 18:00 Uhr eine Bittandacht angekündigt war. Das Wetter war wunderschön und viele Dirminger versuchten an diesem friedlichen Nachmittag mit einem Spaziergang die zermarterten Nerven zu beruhigen. In unserer Dorfchronik finden wir historische Niederschriften und Zeitzeugenaussagen. Der ehemalige Küster Peter Bastuck berichtete:

„Um halb sechs ging ich zur Kirche, um die für 6 Uhr angesetzte Andacht vorzubereiten. Zur gleichen Zeit, kurz vor der Dämmerung, als man wegen der hereinbrechenden Nacht nicht mehr mit Fliegern rechnete, erschienen plötzlich 6 feindliche Jabos, kreisten über das Dorf und drohten mit neuer Gefahr“. Ich war am Hochalter beschäftigt und schenkte anfangs den Fliegergeräusch nicht viel Beachtung, die Kirche, die ja ziemlich außerhalb des Dorfes lag und keinerlei strategische Bedeutung hatte, konnte doch nicht das Ziel eines Angriffs sein. Ich arbeitete weiter. Eine unheimliche Ahnung trieb mich plötzlich vom Hochaltar hinweg, hinaus aus der Kirche. Die Flieger schienen immer gefahrdrohender zu werden. Ich hielt es für angebracht, vorläufig in den Sakristeikeller zu gehen. In diesem Augenblick kam der hochwürdige Herr Pastor aus dem Pfarrhaus, um sorgenvoll die kreisenden Flieger zu beobachten. Er drängte mich, sofort mit ihm in den Pfarrhauskeller zu kommen. Ohne weitere Einwände folgte ich seinen Worten und eiligst ging die ganze Pfarrhausfamilie mit mir in den Keller. Schon nach wenigen Augenblicken verriet Maschinengewehrfeuer einen Angriff. Im selben Moment krachten Bomben, klirrende Glassplitter, zu Boden stürzendes Hausgerät, in den Keller. Eindringliche Rauchschwaden überzeugten uns, dass die Bomben ganz in der Nähe eingeschlagen waren. Als keine Bomben mehr fielen, gingen wir aus dem Keller ins Pfarrhaus, dass im inneren vom Luftdruck sehr demoliert war. Über Holz-, Glas-, und Geschirrsplitter arbeiteten wir uns ins Freie. Hier stellten wir mit Schrecken fest, dass die Hälfte unserer Kirche zu einem Schutthaufen geworden war. Eine Bombe ging in den Chor nieder, zerstörte Hochaltar, die beiden Seitenaltäre und fast die gesamte Inneneinrichtung. Nur ein Teil der Mauern mit dem Turm bleib stehen. Hochwürden Pastor Didas hielt Ausschau nach dem Tabernakel mit dem Allerheiligsten. Wir befürchteten, da die Bombe unter dem Hochaltar zur Explosion kam, der Tabernakel sei vollständig zerstückelt, unter den Trümmern begraben. Mit freudigem Erstaunen fanden wir ihn als einzig erhaltenen Bestandteil des Hochaltars unversehrt auf dem Trümmerhaufen. Einige Männer stellten den Tabernakel aufrecht. Herr Pastor Didas versuchte ihn aufzuschließen und siehe – er konnte ihn ungehindert öffnen. Der Monstranz war unbeschädigt. Der Speisekelch war wohl umgefallen und einige Hostien lagen daneben., sonst war der Tabernakel unbeschädigt. Der hochehrwürdige Pastor trug dann das Allerheiligste unter dankbarer Bewunderung aller Anwesenden ins Pfarrhaus in ein wenig beschädigtes Zimmer. Die Nacht war hereingebrochen. Die Leute kehrten erschüttert, doch Gott dankend, dass er wie durch ein Wunder Menschenleben verschont hatte- 10 Minuten später wäre die Kirche mit Menschen angefüllt gewesen- wieder in ihre Wohnungen zurück.

Buch: Dirmingen – Ein Versuch, die Entwicklung darzustellen 1980 (Festausschuss)

Der 21.Februar 1945 wurde also zum Schicksalstag der hiesigen katholischen Kirchengemeinde St Wendalinus. Die Geschichte um den unversehrten Tabernakel ist allen Katholiken bis heute fest in Erinnerung geblieben. Manch ein Gläubiger deutete dieses Ereignis als Wunder oder zumindest als Botschaft. Für die hiesige katholische Kirchengemeinde Dirmingen war es in erster Linie ein Zeichen den Weg weiterzugehen und die begonnene Arbeit fortzuführen.

Nach jahrelanger Vorbereitungszeit konnte am 15. September 1947 die Baugenehmigung für den Wiederaufbau der Kirche erteilt werden. Das neue Gotteshaus, sollte an der gleichen Stelle wie der Vorgängerbau erbaut werden. Der Architekt, Kirchenbauer und Hochschullehrer Dominikus Böhm aus Köln übernahm die Verantwortung für den Kirchenbau. Am 15. Mai 1948 erfolgte der erste Spatenstich und am 4. Juli 1948 die Grundsteinlegung. Das Richtfest wurde am 16. Oktober 1949 vollzogen. Die Einsegnung der neuen Kirche wurde am 17. Dezember 1950 vorgenommen. Die feierliche Kirchweihe erfolgte am 4. Mai 1954.

Heutige katholische Kirche an gleicher Stelle erbaut !