Wie aus dem Handwerk die Häusernamen unseres Dorfes entstanden…

Das Handwerk hat zugegebenermaßen seine beste Zeit hinter sich gebracht. Viele Menschen haben längst vergessen, wie unser heutiger Wohlstand zustande kam. Alles was wir heute sind, haben wir unseren Handwerksberufen dem Schreiner, Schmied, Wagner, Weber, Schneider oder dem Zimmermann zu verdanken.

Der 30 -jährige Krieg war auch für die Entwicklung der Dörfer und Städte in unserer Region ein einschneidendes Ereignis. Ganze Regionen wurden ausgerottet. In Dirmingen lebten nach Ende des Krieges nachweislich nur noch zwei Familien. Nach diesem Krieg blühte unser Heimatdorf, nach vielen schlimmen Jahren der Entbehrung, ganz langsam wieder auf. In den Kirchenbüchern der evangelischen Kirchengemeinde Dirmingen von 1664 bis etwa 1850 finden wir deutliche Hinweise auf die Entwicklung unseres Dorflebens. Wenn man sich die ersten Kirchenbücher nach dem 30- jährigen Krieg ansieht, erkennt man, dass keine Berufsangaben vorhanden sind. Weiterhin fällt auf, dass die meisten Familiennamen zu dieser Zeit einem Handwerk abstammten. Als Beispiele dienen hier die Namen Wagner, Schneider, Schmidt oder z. B Kiefer.

Der 30-jährige Krieg hatte nicht nur die Dörfer sondern auch das Handwerk vernichtet. Die Menschen mussten sich selbst versorgen und hatten nicht die Möglichkeit durch ein Handwerk Geld zu machen. In Dirmingen dürfte es zu dieser Zeit ganz ähnlich gewesen sein. Die Kriegsauswirkungen waren verheerend und in unserem Dorf lebten nur noch wenige Menschen, die sich durch eigene Landwirtschaft irgendwie durchbrachten. An die Ausführung eines Handwerks war zunächst kaum zu denken. Allein der Beruf des Wagners wird zu dieser Zeit in Dirmingen genannt. Erste Hinweis auf eine Berufsangabe in den Kirchenbüchern finden wir erst nach dem Jahre 1700. Mit der Erholung des Lebens auf dem Land kam das Handwerk zurück. Bis zum Jahre 1850 dauerte es bis sich das Handwerk, auch in unserem Dorf, wieder erholte. Der Beruf des Wagner, Schmied, Zimmermann, Schreiner, Weber, Müller, Schuster und Schneider wurde gerade in diesen Jahren am meisten angegeben. In der Regel handelte es sich um Handwerksberufe, die man auf dem Land zum Überleben benötigte.

Auffällig war zu dieser Zeit, dass die Berufe des Metzgers und des Bäckers vollständig fehlten. Die Menschen versuchten sich selbst zu verköstigen wobei man das eigene Fleisch nach der Schlachtung des eigenen Vieh aus der Bütt oder dem Rauchhaus entnahm. Wenn das eigene Fleisch aus war, musste die Familie eben fleischlos leben. Das Brot das man zu überleben benötigte, wurde im Haus- oder Dorfbackofen von den Hausfrauen gebacken.

Wenn wir uns die einzelnen Handwerksberufe in unserem Dorf einmal etwas näher ansehen, stellen wir fest, dass sich viele über die Jahre hinweg in sogenannte Häusernamen umgewandelt haben.

Der erste Schmied in unserem Heimatort wurde im Jahre 1691 im Hause Jakob Wagner geboren. Dieser Familienzweig lebte später in dem Häusernamen „Schmiedjobs“ weiter, wobei Hans Jakob Wagner der erste war, der diesen Namen mit sich trug. Im Jahre 1758 wurde der spätere Schmied Johann Georg Heintz, genannt „Schmiedjörg“ geboren. Auch sein Sohn führte den Beruf des Schmieds aus und lebte in Dirmingen. Das erlernte Handwerk wurde ganz oft von Generation zur Generation weitergegeben. Der Schmied Johann Peter Wohlfahrt zum Beispiel wurde im Jahre 1749 geboren und gab sein Handwerk über vier Generationen weiter. Witzig dabei ist die Tatsache, dass alle Nachkommen den Namen Johann Peter führten. Von dieser Familienreihe entstand der spätere Häusername „Schmiedperersch“. Insgesamt gab es bis in das Jahr 1850 sechs Familien, die den Handwerksberuf des Schmiedes ausführten.

Das Schneiderhandwerk kommt tatsächlich nur bei den Familien vor, die auch den eigentlichen Namen dazu tragen. Der im Jahre 1696 geborene Johann Valentin Schneider übte als erstes dieses uralte Handwerk in unserem Dorf aus. Auch sein Sohn führte diese Familientradition weiter. Bis zum Jahre 1850 ist die Anzahl der Schneider in unserem Dorf überschaubar. Die meisten Menschen, die dieses Handwerk ausführten, hießen Schneider, Brück, Böckel, Gabler, Gräßer oder Zimmer.

Der ersten Schuster, der in unseren Kirchenbüchern genannt wird, ist der im Jahre 1714 von Ottweiler eingewanderte Johann Nikolaus Gräßer, der eine Tochter von dem damaligen evangelischen Pfarrer Heintz heiratete. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert boomte in unserem Dorf der Beruf des Schusters. In den Häusernamen unseres Dorfes sind bis heute die Häusernamen „Schuhpeter“ und „Schuhmichel“ bekannt.

Das Müllerhandwerk tauchte in Dirmingen zum ersten Mal in dem im Jahre 1696 geborenen Müller Johann Nikolaus Zimmer auf. Dieser wurde damals als „Müller in der neuen Mühle“ bezeichnet wobei hierbei deutlich gemacht werden muss, dass der Beruf des Müllers, mit dem des Wagners schon lange Zeit vorher in Dirmingen verankert war. Von 1758 bis heute verbindet man den Namen Guthörl mit dem Müllerhandwerk in unserem Dorf. Die für uns spätere „alte Mühle“ war zu ihrer Zeit als Guthörl’sche Mühle bekannt.

Der im Jahre 1685 zu Ruppertsdorf im Voigtland geborene Johann Christoffel Wohlfart wird als erster Zimmermann in unseren Kirchenbüchern erwähnt. Im Jahre 1713 heiratete er in unserem Dorf eine Einheimische. Ein Nachkomme dieses Zimmermanns heiratete später eine Schwester meiner Großmutter. Der Beruf des Zimmermanns übte nicht nur unser Herr Jesus Christus aus, sondern auch meine Vorfahren aus. Im Jahre 1750 wandert der Zimmermann Peter Wagner aus Fürstenhausen nach Dirmingen ein. Von ihm stammt der Häusername „Zimmermanns“, wobei seine Söhne ihren eigenen Häusernamen entwickelten. Sein dritter Sohn Johann Michael Wagner, geb. 1784, brachte schließlich den Häusernamen meiner Familie „Zimmermichels“ ins Spiel.

Der Handwerks und Familienstand des Schreiners wird zwischen 1664 und 1850, in unserem Heimatort, kaum genannt. Die wenigen Menschen, die diesen Namen oder den Berufstand mitbrachten, lebten immer nur kurz in unserem Heimatort. In den Jahren zwischen 1650 und 1900 werden lediglich vier Männer genannt, die den Beruf des Schreiners ausübten.

Der Beruf des Wagners hat in unserem Heimatort einen echten Kultfaktor. Kein Familienname kommt öfter vor und auch die Anzahl des ausgeübten Handwerkberufes des Wagners ist ellenlang. In der sogenannten Stellmacherei oder Wagnerei wurden Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellt. Nachweislich gab es schon vor dem 30-jährigen Krieg einen „Wähner“ in Dirmingen. Allein bis zum 19 Jahrhundert übten Menschen mit vielen verschiedenen Familiennamen diesen Beruf aus. In Dirmingen gab es neben den Besitzern eines Handwerks und Familiennamen Wagner auch die Familiennamen Heintz, Brück, Böckel. Der erste namentlich erwähnte Wagner war der im Jahre 1692 verstorbene Dirminger Klos Schneider. Ihm folgte ein Nachkomme Namens Kasper Schneider. Der Beruf des Wagners war in unserem sehr bäuerlich geprägtes Heimatdorf naturgemäß sehr präsent. Lediglich die späteren Berufe des Bergmanns oder des Hüttenarbeiters konnten, nach der Industrialisierung, mithalten und überbotenen Berufstand des Wagners. Der Familienname Wagner hingegen hat sich bis heute fest etabliert.

Der heute verschwundene Handwerksberuf des Webers kommt im Jahre 1770 erstmals in Dirmingen vor. Damals wanderte von Holz der Leinenweber Johann Nikolaus Bauer nach Dirmingen aus. Im Jahre 1810 zieht der Weber Michael Rammelt von Saarbrücken nach Dirmingen. Im Jahre 1876 versterben innerhalb von vier Wochen zwei Weber unseres Heimatortes.

Natürlich gab es weitere Handwerksberufe, die im Laufe der Jahre in Dirmingen auftauchten. Johann Nikolaus Klein war um das Jahr 1770 der erste Glaser in Dirmingen. Um das Jahr 1825 kam mit Konrad Wilhelm von Freital der erste Sattler aus Saarbrücken in unser Dorf. Der erste Bäcker in unserem Dorf vor dem Jahre 1850 war Johann Friedrich Rechkemmer geb. 1763, in Dörtingen, in Würtemberg. Der Papiermacher Peter Schwender (geb. 1798) lebte 40 Jahre in Dirmingen und war der einzige der diesen Berufsstand nachweislich ausübte.  Wahrscheinlich arbeitete Schwender in der Papiermühle in Aschbach.

Das Handwerk wurde nach dem 30-jährigen Krieg Stück für Stück von außen in unser Dorfleben transportiert. Dies dürfte in allen saarländischen Ortschaften ganz ähnlich gewesen sein. Das Handwerk musste überall neu aufpoliert werden. In dieser Zeit mag wohl auch die Tradition des Wanderburschen entstanden sein. Das Handwerk ging auf die Walz und wurde in die Dörfer und Städten getragen. Wahrscheinlich entstanden zu dieser Zeit auch zahlreiche Märchen und Sagen. Die Menschen zogen von einem Ort zum anderen und erzählten ihre Geschichten. Der deutsche Wald wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft. Im 19. Jahrhunderts wurden unzählige Gedichte, Märchen und Sagen der Romantik geschrieben.

Schade, heute hat das Handwerk einen schweren Stand. Wir sollten jedoch niemals vergessen, was dass Handwerk für die Entwicklung unseres Lebens bedeutete. Die Erinnerung an viele mittlerweile ausgestorbenen Handwerksberufen lebt jedoch in unseren Namen weiter. Gut so !

Ein Kommentar

  1. Ein schön geschriebener und sehr Interessanter Bericht.
    Ich bin bei meiner Ahnenforschung in Dirmingen oft auf die Berufsbezeichnung “Steinabrichter” getroffen. Vermutlich war das der Backsteinfabrik geschuldet.
    Gruß Thomas

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